Laudatio anläßlich der Verleihung des
Preises für junge Regiseure 1997 an Armin Holz

Kurt Hübner
Bensheim, 8. März 1998

Laudatio

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
meine Damen und Herren, liebe Freunde!

Wie schon mehrmals geschehen, hätte es auch dieses Jahr gute Gründe gegeben, den Bensheim-Preis für junge Regisseure zu zweiteilen. Schön meine ich, dass aus einer erstaunlichen Fülle zu fördernder Begabungen insgesamt zwei junge Regisseure besonders hervorragten, schön noch, dass die endgültige Entscheidung auf einen Einzigen fallen konnte nämlich auf Armin Holz.

Sie erinnern sich an die Debutinszenierung von Roland Schimmelpfennig mit dem Stück des kanadischen Autors Brad Frazer »Unidentifizierte Leichenteile und das Wesen der Liebe« hier anläßlich der Woche der jungen Schauspieler als Gastspiel des Ulmer Theaters letztjährig gezeigt. Ein junger Regisseur erfasst das Sittenbild der heutigen Jugend aus der Feder eines jugendlichen Autors in überzeugender Weise.

Dennoch: der Preis gebührt Armin Holz für die Inszenierung der »Falschen Zofe« des Pierre Carlet de Marivaux, der unnachahmlich einstmals Glanz und Schein des Rokoko in die Komödie übertrug, aber in diesem einzigen Fall seiner »Falschen Zofe« büßen musste für die darin enthaltene Kritik der Gesellschaft. Die Komödie stieß auf die Ungnade des erlauchten Publikums. Die Enttäuschung darüber ließ den berühmten Autor sogar vier Jahre lang schweigen. Die Wahrheit ist selten erfreulich, aber in der Komödie soll sie erfreuen. Diesmal tat sie es nicht. So ungeschminkt wollte sich die Gesellschaft nicht hinter die Kulisse ihres schönen Scheins blicken lassen.

Auch danach, immer wieder hervorgeholt, blieb der Einfall zwiespältig. Aus einem anderen Grund! Faszinierend zwar das bis zur Satire geschärfte Spiel des Belauerns, Belügens und Finassierens, störend indes die Langwierigkeit der raffinierten Prozeduren, zu schwach offenbar der dramatische Sog. Eine Frau verkleidet sich als Mann und zieht aus, um das Wesen des künftigen Bräutigams zu erforschen, eine Probe also, obligatorischer Ausgangspunkt des wundersamen Autors, der in die Tiefe des schillernden menschlichen Wesens zielte. Nie zuvor aber hatte er sich so ausführlich, so boshaft, keine Facettierungen auslassend, mit dessen Abgefeimtheit beschäftigt. Ist ein Weg der Wahrheitsfindung eo ipso ein komplizierter, hier erscheint er gewundener, verwickelter als In allen vorhergehenden Komödien. Es tut sich außerordentlich viel auf dem Findungsweg, aber das dramatische Vorwärts leidet, schleppt.

Der Reiz für das Theater bleibt dennoch - dessen offenbaren Mangel zum Trotz - verführerisch. Im Hinnehmen unschöner Wahrheiten hinter der Oberfläche ist der Mensch heute längst nicht mehr so zimperlich und wehleidig wie einst die empörten Zuschauer unter ihren weißen Perücken. Das theatralische Erlebnis entscheidet. Sollte Marivaux es vergessen haben, er, der einst die französischen Komödianten und ihre angepasst vornehme Spielweise gemieden hatte und die in Paris heimischen Italiener mit ihrer Drastik und ihrer übertreibungsfreudigen Eigenart bewunderte? Für sie schrieb er seine Komödien.
Holz hakte ein. Dort war der Weg! Die Überzeugungskraft seiner Inszenierung und den stürmischen Beifall des Publikums verdankte er dieser Erkenntnis.

Was hatte er gemacht? Zunächst alle Bedenken hinweggewirbelt und altes probates Theater zu neuem höchst phantasievollem sprühendem Leben erweckt, glücklicherweise.

Er hatte zum Feuerwerk der geistvollen Sprachmanöver des genialen Franzosen das zugedachte Feuerwerk einer einst der Commedia del'Arte entlehnten Spielweise hinzugefügt, nämlich die Quirligkeit der Szene, ihren Reichtum an körperlicher Ausdruckspalette in der Hitze verbaler Sprachgefechte, und daraus eine gestische Dynamik, einen Rhythmus des lnnehaltens und neuerlichen Explodierens entwickelt, der die raffinierten sprachlichen Entlarvungsprozeduren durch diese spielerischen Exaltationen pointierte.

Unter seinen Händen geriet die »Falsche Zofe« zu einem Verstellungs- und Verkleidungsspiel höchster Brillanz. Die Attacke von einst entfaltete ein Panorama menschlicher Niedertracht, unauslöschbarer materieller Selbstsucht, so amüsant aber, so turbulent und abgefeimt versüßt, dass sich diesmal die einstige, wie gesagt, aus ganz anderen Gründen erfolgte Ablehnung, in Jubel verwandelte. Ein hingerissenes Publikum von heute auf hinreißende Weise auch hinters eigene Licht geführt! Die artifiziellste Theateraufführung, die ich seit langem sah. Kein Wunder, wenn es einigen Kritikern fast die Sprache verschlug, galt doch für Marivaux das Kennwort Saion, das Holz gottlob in den Wind schlug, als er mit heißer Hand in die Kälte griff, als er die Verruchtheiten unter ihren Verkappungen phantasievoll kaleidoskopierte.

Er hat, wie ich höre, seine Schauspieler gleichsam mönchisch um sich geschart. Sollte das ihn verdächtigen? Einige weniger eben in der Kantine! »Eine harte Zeit«, schrieb mir Eisermann, der Gast in Hannover, »aber herrlich doch und ein unaufhörliches Lernen neuer Möglichkeiten«.

Ich kenne den kritischen, jungen, schon berühmten Individualisten, der nicht leicht schwärmt, der sich Holz hier rückhaltlos anvertraute, auslieferte und zurecht gefeiert wurde, wie es seine mitverschworenen Kollegen alle getan hatten, die Holz ebenso nachdrücklich zur Entfaltung ihrer besonderen Talente herausgefordert hatte und die das Publikum gleichermaßen enthusiasmierten.

Ein Bravo auch für die sonstigen Gelungenheiten der motivierten Mitgestalter. für den weiten Bühnenraum und seine Verwandlungen mittels verblüffender Minimaleffekte, die Kostüme, Spiel im Spiel alles wie ebenso die hineingestreuten poppigen Jazztöne, ein Bravo auch der überzeugenden neuen und unverschnörkelten Sprachübertragung.

Fazit: Man wage wiederum Armin Holz, den Inspirierten, mag's auch zuweilen mit ihm geknistert haben, er, so denke ich, wie seine Leidträger der Beletage werden's überstehen. Das Ergebnis zählt: lebendigstes Theater.