In einer Bearbeitung von Gerhard Ahrens und Armin Holz
Nach Übersetzung von Johann Joachim Eschenburg, Christoph Martin Wieland, August Wilhelm Schlegel und Dorothea Tieck
Premiere am Theater Marl (Ruhrfestspiele Recklinghausen) am 29. Mai 2010
Premiere am Renaissance-Theater Berlin am 12. Juni 2010
Premiere am Theater im Pfalzbau Ludwigshafen am 01. Dezember 2010
Premiere am Grand Théâtre de Luxembourg am 17. November 2011

Anke Dürr
Spiegel Online, 29. Mai 2010

Zeitlose Liebesverwirrung

Regie-Außenseiter Armin Holz

Der eigensinnige Theaterregisseur Armin Holz inszeniert bei den Ruhrfestspielen »Was ihr wollt« - und setzt auf ein All-Star-Ensemble, das allein durch sein Alter besticht: Die meisten Darsteller in Shakespeares Liebeskomödie werden jenseits der 60 sein.

Der Theaterregisseur Armin Holz kann auf eine ganze Menge Ehrentitel verweisen: Er gilt als »der große Besondere«, »Solitär«, »Ausnahmeregisseur«, «besessener Außenseiter«. Holz, 47, ist, wenn man den Beobachtungen seiner Porträtisten glauben darf, ziemlich stolz auf diese Titel, er pflegt seinen Ruf als kompromissloser, unbedingter Künstler und sammelt im Zweifel lieber bei Sponsoren Geld für eine Eigenproduktion, als sich einem Stadttheaterbetrieb zu beugen - sein Engagement am Bochumer Schauspielhaus endete 2007 nach nur drei Inszenierungen. Jetzt hat es aber das Leitungsteam der Ruhrfestspiele Recklinghausen geschafft, ihn an Bord zu holen: Am heutigen Samstag hat im Theater Marl seine Inszenierung von »Was ihr wollt« Premiere; im Juni wandert sie weiter ans Berliner Renaissance-Theater.

Wenn in Rentnern die Liebe erwacht

Holz, der auch dafür berüchtigt ist, nur dann mit der Arbeit zu beginnen, wenn er genau das Ensemble zusammen hat, das er sich vorgestellt hat, lässt Shakespeares Liebesverwirrung von lauter Schauspielern jenseits der 60 spielen (einzige Ausnahme: Markus Boysen, 56). Eine neue Interpretation des Wortes »zeitlos«, mit dem Holz' immer bis an den Rand der Manieriertheit ästhetische Inszenierungen gerne beschrieben werden. Holz hofft auf die Spannung, die entsteht, wenn sich Schauspieler im Rentenalter auf der Bühne mit dem Thema erwachender Liebe auseinander setzen. Er baut auf das Können seiner Darsteller »und einen Erfahrungsreichtum, der einfach unschlagbar ist«.

Das »Was ihr wollt«-Ensemble stammt aus der gerade wieder so hochgelobten guten alten Theaterzeit, hat bei Rudolf Noelte, Peter Zadek, Peter Stein oder gar Gustaf Gründgens gespielt und findet nun bei Holz Asyl: Angela Schmid gehört dazu, Dieter Laser und Hans Diehl.

Das Zentrum des Theaters ist der Schauspieler, das ist Holz' Credo. Seine Traumbesetzung allerdings hat er diesmal nicht ganz verwirklichen können; dem Alter geschuldet, muss auch einer wie Holz Kompromisse machen. Jutta Lampe erkrankte und wurde durch Elisabeth Trissenaar ersetzt, Vadim Glowna sprang für Peter Fitz ein, und statt Nicole Heesters spielt und singt Gitte Haenning nun den bei Shakespeare obligatorischen Narren. Das war sogar der »Bunten« einen Vorbericht wert: Gitte, die 1973 beim Grand Prix Platz acht belegte, darf in der aktuellen Ausgabe nicht nur Lena Meyer-Landrut Tipps geben (»Glaub an dich«), deren Auftritt in Oslo am selben Abend wie die »Was ihr wollt«-Premiere in Marl über die Bühne geht. Der Leser wird auch informiert, dass Haenning als junge Frau mal im schwedischen Nationaltheater aufgetreten ist. Man könnte noch ergänzen, dass sie in den neunziger Jahren in einem Musical die Hauptrolle hatte, dessen Titel »Shakespeare and Rock'n'Roll« hieß. Bei Holz wird sie nun Shakespeare-Sonette singen, die die Jazzsängerin Lisa Bassenge vertont hat.

Ein All-Star-Ensemble also, aus dem ein Star herausragt: Ilse Ritter, die spätestens seit dem Thomas-Bernhard-Stück »Ritter, Dene, Voss« eine Legende ist, aber in den vergangenen Jahren am Theater immer heimatloser wirkte. Bis sie mit Armin Holz endlich wieder einen Regisseur fand, »der ihr herzlich verfallen ist«, wie der SPIEGEL schrieb. Bei Holz' bislang letzter Inszenierung in Bochum 2006, Lorcas »Dona Rosita«, sei sie »die alleinige, einzig selig machende Sensation des Theaterabends« gewesen.

Holz scheint das ähnlich in Erinnerung zu haben. In »Was ihr wollt« hat er Ritter eine Doppelrolle gegeben: Sie spielt die als Mann verkleidete Viola und deren für tot geglaubten Zwillingsbruder Sebastian - das Zentrum der Liebes- und Geschlechterverwirrung also.