Ramón del Valle-Inclán: Wunderworte

Aus dem Spanischen übersetzt von Fritz Vogelsang
Deutsches Theater, Berlin
Premiere am 8. Juli 1992

Robin Detje
Die Zeit, 17. Juli 1992

Der Mensch ist böse

Was ist das für ein Stück? 160 Seiten Text ohne einen Helden, ohne eine einzige Figur, zu der wir eine Neigung fassen möchten - und das bei einem Verzeichnis von über dreißig handelnden Personen, den sprechenden Hund Coímbra, den »gefiederten Propheten« Colorín und den sehr haarigen Bocksgeist eingeschlossen. Eine stattliche Menge seltsamer Gestalten zieht in den »Wunderworten« des spanischen Dichters Ramón del Valle-Inclán an uns vorüber, und keine entkommt dem beißenden Spott ihres Autors.

1920 sind die »Wunderworte« in Madrid erschienen; in Deutschland die Zeit von Toller, Kaiser, Lautensack oder Brecht. Valle-Incláns »dörfliche Tragigkomödie« erinnert uns - an nichts. Sie ist dramatisches Urgestein. Juana la Reina, eine »erdig trübe, barfüßige Schattengestalt«, zieht bettelnd mit ihrem Sohn Laurano von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, bis sie auf offener Straße verreckt. Das Kind, ein öffentliches Mitleid erregender Zwerg mit Wasserkopf, beheimatet in einem Schweinetrog auf Rädern, ist ihre einzige Hinterlassenschaft - eine Goldgrube für die gierigen Verwandten. Mari-Gaila, eine Weltmeisterin der Totenklage, sonst aber die Wollust in Person, entscheidet die Schlacht um den Krüppel für sich und nutzt die Gelegenheit, ihrem langweiligen Gemahl auf die Landstraße zu entkommen. Der vielfach gehörnte Gatte, ein Küster, verliert sich in blutigen Rachephantasien.

Mari-Gaila wirft sich in die Arme des Gauners Septimo Miau, und in einer Kaschemme amüsiert sich allerlei zwielichtiges Volk so lange mit dem vernachlässigten Zwerg, bis er tot umfällt. Die geile Marie karrt die verwesende Leiche zurück ins Dorf - verfolt von Septimo Miau. Als die ebenso geile Dorfgemeinschaft die beiden in flagranti im Schilf ertappt und die Mari-Gaila auf die allerfröhlichste Weise steinigen will, stürzt ihr Gatte sich vom Kirchturm, steht aber gleich wieder auf, hält die Meute mit ein paar donernden Bibelworten in Schach und rettet seine Familie.

»Wunderworte«, heidnische Beschwörungsformeln und Ammenmärchen bestimmen das Leben der vollkommen verdorbenen und vollkommen unschuldigen Figuren Valle-Incláns; das größte Ammenmärchen aber, die mächtigste Beschwörungsformel sind die (so der Originaltitel des Dramas) »Divinas palabras«, die Wunderworte Gottes.

Armin Holz hat das Stück in den Kammerspielen des Berliner Deutschen Theaters inszeniert. Die Bühne ist ein Einheitsraum, schiefe Wände aus Blech, Holz oder Tuch; die Brandmauer liegt offen vor uns, verstellt mit dem für die einzelnen Szenen herangekarrten Mobiliar; rechts ragt eine Rampe weit in den Zuschauerraum, und wenn ein paar Tücher sich heben, wird eine Art Aquarium für romatische Szenen sichtbar. Die Kostüme belassen das Stück im Spanien der zwanziger Jahre (mit ein paar ledernen Ausflügen ins Kreuzberg von heute), aber sie verlegen es vom Dorf in die Kleinstadt und nehmen dem Text so auf angenehme Weise sein »erdig trübes, barfüßiges« Ambiente (Ausstattung: Peter Schubert).

Die Bettlerin Rosa la Tatula, eifrige Zeugin aller Ereignisse des Dramas und Überbringerin aller guten und schlechten Nachrichten, wird zur Hauptfigur des Abends. Margit Bendokat spielt sie als gnadenlos berlinernde Mutter der Kompagnie, wild entschlossen, auch die abgehobeneren Kapriolen dieser Inszenierung zu erden. Denn viel hat Armin Holz versucht, nicht alles ist ihm gelungen. Für den Abgrund zwischen Unschuld und Verkommenheit findet er eindringliche (und komische) Bilder: Neben der toten Juana la Reina sitzt eine verzückte, einem manieristischen Gemälde entsprungene Schwangere (Claudia Geisler), reibt sich unablässig den Bauch, leckt erst ein wenig an der Leiche und schläft dann auf ihr ein. Die Szene verrät viel über die Drastik, nach der dieser Regisseur sich sehnt. Manches andere, was drastisch direkt sein will - manch dreist moderne Liedeinlage im besonderen und manche ungelenk theaterhafte Pantomime - wirkt nur wie der eine Regieeinfall zuviel. Der ewigen Versuchung aller Jungregisseure, die Sahne des Textes noch mit Schokoladenstreuseln und Cocktailkirschen zu garnieren, erliegt gelegentlich auch Armin Holz.

Dann wieder trifft sein Pfeil das Herz des Textes sehr genau. Die Familie streitet um das Erbe; der Dorfschulze spricht. Immer wieder will auch La Tatula, die Übelkrähe, das Geschehen kommentieren, und jedesmal trifft sie der vernichtende Blick des Schulzen: Dies ist sein Auftritt. Jede kleine Eitelkeit der Figuren wird gnadenlos bloßgelegt, jedes falsche Wort lustvoll ausgestellt.

Der Zwerg (Horst Lebinsky) stirbt. Vorher lassen seine falschen Freunde ihn tanzen wie einen Bären. »Mach den Kojoten«, rufen sie und fangen sofort selbst an zu heulen: Alles, was sie von ihm hören wollen, können sie schon besser. Endlos dreht der Zwerg sich um seine eigenen, verknoteten Beine. Dann ruft er »Ssssseiße!«, dann fällt er um. Dann ist er tot. Der Tod ist ein Tanz. Incláns Menschen sind Kinder, gefangen in ihrer unheilbaren Grausamkeit (und ihrer ebenso unheilbaren Wollust). Jetzt ist ihr Spielzeug kaputt, und keiner will es gewesen sein. Armin Holz aber, der die Spieler alle durchschaut hat, führt sie uns vor wie einen Zwerg im Schweinetrog. Er ist so grausam wie sie, und so böse wie ihr Schöpfer Valle-Inclán.

Von schrillen, fast hysterischen Untertönen war noch keine der Inszenierungen von Armin Holz ganz frei; auch seine beiden ersten nicht, die er selbst produzieren mußte und sich hart erkämpft hat. Das Hysterische, bei Holz immer auch eine Drohgebärde, ist von Inszenierung zu Inszenierung schwächer geworden. Jetzt, nachdem er seine erste Arbeit an einem großen Haus »abliefern« durfte, muß er sich vielleicht nicht mehr ganz so dringend und unbedingt behaupten. Jetzt kann er heimisch werden im Obskuren und sich in der Ekstase entspannen.