Deutsch von Armin Holz und Richard Gardner
SCHAUSPIEL Hannover
Niedersächsische Staatstheater Hannover
Premiere am 23. November 1996

Gabriela Kube,
NDR 3, Texte und Zeichen, 1996

Papperlapapp!

Die Erschöpfung der vorgeführten Adeligen drückt sich vor allem stimmlich aus. Die betrogenen Betrüger kommen nicht klar mit ihrem Mimikry: Sie stammeln und stottern, sie leiern und wimmern. Ist das nicht scheußlich? Künstlich? Artifiziell und nervt? Richtig, und darum ist es eben auch wunderbar.

Wahnsinnig, obsessiv und haargenau gelingt es Armin Holz nämlich, das Krankhafte der Verstellung zu zeigen. So, daß es weh tut. Den grotesken Hähnen auf der Bühne in ihrem bizarren Schuhwerk, mit den Abendroben, auf denen sich schon Spinnweben ausbreiten, diesen derangierten Diven und hohlen Salonlöwen geht es längst nicht mehr um die Liebe, wie kreuzbrave Marivaux-Anbeter glauben machen wollen. Es geht ums Geld, um den eigenen Vorteil. Dafür riskieren die eiskalt alles, auch Purzelbäume und Radschlagen, Pas de Deux und den gewaltigen Schreikrampf - alles für funkelnde »Louisdors«, den großen Reibach! Und weil die Gräfin, die beim ersten Auftritt als blutrote Schreckschraube vom Himmel sinkt, als echte Liebende und große Gelackmeierte zu Mitleid verführen könnte, stellt Holz sie schon mal auf ein Laufband, wie man es von Kaufhauskassen kennt. Die große Passion, ach Unsinn, Amouren vom Band, alles nur Papperlapapp!

Stimmakrobatik, Verve und Witz kennzeichnen diese böse Satire. Henriette Cejpek als schrille Gräfin und Reinhard Mahlberg als nichtsnutzige Knallcharge von einem Verlobten, glänzen in ihren Dialogen. Mal überreizten Katzen gleich, mal wie plappernde Papageien umgurren und umschmeicheln sie einander, stülpen die weit aufgerissenen Schnäbel aufeinander, als ginge es buchstäblich darum, sich zu »verzehren«. Gierige Nichtliebende, die haben sich nur selber zum Fressen gern.

Das andere Paar - André Eisermann als emsiger, wie aufgezogen agierender Parvenu - der Diener des Chevalier - und ein spinnbeiniger Wolfgang Mondon als Arlequin - der Diener des Lélio - geben dem Affen mächtig Zucker, - zur Freude des Publikums.

Klar: Der Marivaux auf Samtpfoten, wie ihn die Festspiele lieben, der bleibt auf der Strecke. Aber ein anderer rückt ins Blickfeld - Marivaux, der kühle »Menschenprüfer«, so wie ihn Nietzsche liebte.

Schöne, scheußliche Farce. Geschwätzig und grell. Wie sich die Zeiten NICHT ändern.