FAMILIENFESTE – EIN PROJEKT VON ARMIN HOLZ
Premiere am 10. Oktober 2015 am Landestheater Linz




Stefan Keim
Deutschlandradio Kultur, 10. Oktober 2015

Die Rückkehr der verschwunden Männer

Theaterregisseur Armin Holz bringt in Linz drei Premieren am selben Abend auf die Bühne, jedes Stück hat dieselben Hauptdarsteller. Ein aufsehenerregendes Experiment, doch kann es gelingen?

Armin Holz arbeitet nur selten. Alle paar Jahre kommt eine neue Inszenierung heraus. Weil er Wert darauf legt, dass er die perfekte Besetzung beisammen hat, die er sich für ein Stück wünscht. Theater müssen sich darauf einlassen, einige Gaststars zu bezahlen. Und bekommen dafür ungewöhnliche Aufführungen- wie jetzt das Landestheater Linz mit dem Projekt »Familienfeste«.

Ibsens »Gespenster«, eine Bearbeitung des Romans »Mrs. Dalloway« von Virginia Woolf und die Operette »Viktoria und ihr Husar« an einem Abend zu spielen – das ist ein mehr als ungewöhnliches Projekt. Eine zwingende inhaltliche Begründung liefert Regisseur Armin Holz nicht. Aber ein feines Spiel mit Motiven und Bezügen, sinnlich stilisiertes, witzig melancholisches Theater – sowie grandiose Schauspieler.

Armin Holz, der Assistent bei Peter Zadek war, steht für ein naives Theater, das sich wenig um Rezeptionsgeschichte, Theatermoden und aktuelle Bezüge kümmert. Er behauptet eine reine Kunst. Was allein schon eine Provokation ist, wenn Theater sich ständig rechtfertigen und als Schmiermittel für politische Prozesse, angewandte Sozialhilfe und ästhetische Bildung verkaufen muss.

Große Gesten, die Gefühle mehr verstecken als enthüllen

In allen Stücken, die Holz nun unter dem Titel »Familienfeste« zusammenfasst, kehren verschwundene Männer zurück. Da ist zunächst Osvald, der kranke Sohn Helene Alvings, sein Vater – dessen vergiftetes Erbe dräuend über der Handlung schwebt – hat ihm die Syphilis vererbt. Armin Holz inszeniert Ibsen als Salonkomödie. Osvald (Peter Pertusini) ist ein hinterlistiger Lüstling, kein Opfer seines Vaters, er holt sich seine Infektionen schon selbst. Falls er überhaupt welche hat, denn als Mutter den Champagner holt, weil der todkranke Sohn leidend danach verlangt, ist er plötzlich wieder voll drauf und flirtet mit Hauskätzchen Helene (Anna Eger).

Große Gesten, die Gefühle mehr verstecken als enthüllen, sind ein Kennzeichen der Regiearbeiten von Armin Holz. Mit Anne Bennent, die alle weiblichen Hauptrollen an diesem Abend spielt, hat er eine perfekte Muse gefunden. Sie kann Hände und Arme bis zur Selbstparodie durch die Luft schnellen lassen und gleichzeitig die Worte in einer faszinierenden Schwebe halten. Ihr Partner Klaus Christian Schreiber agiert direkter, bodenständiger, aber nicht weniger kunstvoll. Er spielt zweimal verhinderte Liebhaber – bei Ibsen mit Halskrause einen derben, korrupten Pastor Manders – bis er als Husar Stefan Koltay endlich sein Mädel findet.

Der zweite Rückkehrer ist Peter Walsh. Der Ex-Liebhaber von Mrs. Dalloway war viele Jahre als Soldat in Indien. Armin Holz hat nur diese Episode aus dem Roman von Virginia Woolf entnommen. Es ist eine Art literarisches Intermezzo mit drei Schauspielern (Bennent, Schreiber und Valerie Koch) zwischen den beiden szenischen Schwergewichten. Am Ende reagiert Mrs. Dalloway pikiert, weil ihr· Gäste die Nachricht erhalten, dass sich ein Exsoldat umgebracht hat.

Der Suizid ist einfach rücksichtslos, es wirft einen Schatten auf ihre Abendgesellschaft. Armin Holz inszeniert solche Einbrüche der Wirklichkeit nicht mit offener Kritik an den in ihren eigenen Gefühlswelten vergrabenen Plaudertaschen. Er stellt einfach den Fakt dar, dass Mrs. Dalloway mit solchen unappetitlichen Dingen nichts zu tun haben will. Vielleicht hat sie sogar ein Recht dazu.

Ideal für eine erotisch aufgeladene Operette

Dann folgt die Operette. Die frisch verheiratete Gräfin Viktoria trifft den tot geglaubten Husarenrittmeister Stefan Kodaly wieder, den sie eigentlich liebt und dem sie Treue schwur. So wie Ibsen in Linz überraschend leicht daher kommt, wirkt Paul Abrahams melodienseliger, selbstironischer Schmachtfetzen »Viktoria und ihr Husar« oft melancholisch. Zwei wunderbare junge Musiker (Paul Schuberth und Victoria Pfeil) haben die Partitur für Akkordeon und verschiedene Blasinstrumente – mit Saxophondominanz – bearbeitet. Oft rutschen sie zwischen den Arien, Songs und Duetten ins Atonale.

Nicht alle Schauspieler sind sangesbegabt, dieser Teil der »Familienfeste« ist etwas lang geraten. Doch das Spiel mit Posen und Gefühlen, das Armin Holz so präzise beherrscht, ist natürlich ideal für eine erotisch aufgeladene Operette. Die Ungarn-, Japan-, Russland- und Zigeunerklischees werden hier so klar ausgestellt, dass sie keinen unangenehmen Beigeschmack produzieren.

Durch die wenigen Bühnenelemente – die sich größtenteils durch den ganzen Abend ziehen~ bekommt die Aufführung eine Ahnung von Beckett. Ein nackter Baum, dessen Äste wie Finger eine Hand aussehen, ein Stein, eine Treppe – in diese Welt wirft Armin Holz seine Charaktere. So werden Ibsen, Virginia Woolf und Paul Abraham auf emotionaler und ästhetischer Ebene eine Einheit – ohne Gleichmacherei, die Stücke behalten ihren eigenen Charakter. Es geht um die Suche nach Glück in schweren Zeiten, um die Frage, ob Weltflucht möglich oder sogar nötig ist – als Überlebensstrategie der Feingeister.