FAMILIENFESTE – EIN PROJEKT VON ARMIN HOLZ
Premiere am 10. Oktober 2015 am Landestheater Linz




Silvia Nagl
Oberösterreichische Nachrichten , 12. Oktober 2015

Die Gespenster werden wir nicht los

Das außergewöhnliche Projekt »Familienfeste« von Armin Holz am Landestheater Linz

»Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände. Good Night, Good Night...« – dieses berühmte Duett aus der Operette »Viktoria und ihr Husar« singen Anne Bennent und Klaus Christian Schreiber mit wirklich passablen Stimmen. So wie überhaupt die Bennent als Operetten-Soubrette eine Klasse für sich ist! Doch halt, die Operette kam ja erst zum Schluss des viereinhalbstündigen, kurzweiligen Theaterabends...

Armin Holz, dem der Ruf anhaftet, ein Verwegener des Theaterbetriebs zu sein, macht sich rar mit seinen Inszenierungen, dann aber muss es das Außergewöhnliche sein. Von der Intendanz des Landestheaters Linz eingeladen, hat er für seinen mit »Familienfeste« übertitelten Theaterabend drei Genres ausgewählt. Das Verbindende seien familiäre Grundsituationen: beim Familiendrama »Gespenster« von Henrik Ibsen, bei der Erzählung »Mrs. Dalloway« von Virginia Woolf und bei der Operette »Viktoria und ihr Husar« von Paul Abraham. Das aber sollte man als Zuschauer wissen, denn ansonsten erschließt sich nicht, warum Armin Holz ausgerechnet diese drei ausgewählt hat.

Ibsens »Gespenster«

Aus Teil 1, Ibsens »Gespenster«, macht er eine auf 75 Minuten verdichtete Fassung. Es ist ein Genuss, all diesen großartigen Schauspielern mit klarer Bühnensprache zuzuhören und ihnen bei ihrem intensiven, präzise stilisierten Spiel zuzusehen. Die Qualitäten der ehemaligen Burgtheater-Mimin Anne Bennent gehen aber weit darüber hinaus.

Sie kann Worte in den Raum stellen, sie in der Luft schweben lassen. Sie piepst wie ein kleines Kind und brummt wie ein alter Seebär. Von den beweglichen Augenbrauen über die funkelnden Augen bis hin zu den beredten Fingerspitzen entwickelt sie eine ganz eigene Körpersprache. So wie überhaupt dem Regisseur die großen Gesten vielsagende Assoziation und Symbolik sind und er die Bühnenakteure gesamtkörperlich choreographiert.

Auch als Gast für die Produktion wurde Klaus Christian Schreiber verpflichtet, der ebenso wie die Bennent durch die Hauptrollen der drei Teile wandert. Bei Ibsen ist er der scheinheilige Pastor, dem sich die von ihrem dauergeilen Ehemann betrogene Witwe Alving einst anvertraut hat. Nun ist ihr hirnkranker Sohn – beängstigend, wie Peter Pertusini diese gequälte Kreatur dem geistigen Verfall ausliefert – zurückgekehrt und verliebt sich in das Dienstmädchen (mit bizarren Bewegungen Anna Eger). Die aber ist seine Halbschwester... »Gespenster«, murmelt Witwe Alving, überall Gespenster, die nicht zu verjagen sind.

Virginia Woolfs Roman

Im düster-dunklen Bühnenraum dienen ein kahler Baum mit fingerartigen Verästelungen, ein Stein und ein thronartiger Sessel für stimmungsvolle Lichtprojektionen. In Teil 2 kommt ein Pappgehirn dazu – es ist eine verkopfte Erzählung, aus der Armin Holz eine 35-minütige Episode schält.

Dieses literarische Zwischenspiel mit Anne Bennent, Klaus Christian Schreiber und der wunderbar schillernden Valerie Koch ist in der feinen Londoner Gesellschaft rund um Mrs. Dalloway angesiedelt, in deren Leben ihr Ex-Geliebter und die Nachricht des Selbstmordes eines Kriegsversehrten eindringen. Hier sind sie wieder, die Gespenster der Vergangenheit, die Gemütskranken.

»Mausi, süß warst du heute Nacht«, »Ja, so ein Mädel, ungarisches Mädel, geht nicht aus dem Schädel, geht nicht aus dem Sinn«, »Meine Mama war aus Yokohama«, »Nur ein Mädel gibt es auf der Welt« – die bekanntesten Hits aus der Operette »Viktoria und ihr Husar«. Und auch hier wieder Kriegsversehrte, Gespenster von früher.

Die verheiratete Gräfin Viktoria trifft auf ihren totgeglaubten Geliebten, den Rittmeister Kodaly, verhängnisvoll... Oliver Urbanski und Valerie Koch sind ein tanzwütiges, energiegeladenes Liebespaar, Stefan Matousch ist ein großherziger Ehemann.

Die an der Linzer Bruckner-Uni studierenden Musiker Paul Schuberth und Victoria Pfeil sind ein Glücksgriff! Mit Akkordeon, Saxophonen und vor allem mit viel Schmäh haben sie der Partitur schrägen Schwung und besondere Ästhetik gegeben.

Die ungewöhnliche Gestik, die skurrilen Posen, die inbrünstig vorgetragenen Gesänge in dieser frivolen Operette sind für Puristen wohl schwer erträglich, machen aber, wenn man sich einmal darauf einlässt, großen Spaß.

Armin Holz macht sich über das Genre Operette lustig, macht es aber nicht lächerlich. Insgesamt ein wahrlich außergewöhnlicher, bereichernder und spaßiger Abend.