FAMILIENFESTE – EIN PROJEKT VON ARMIN HOLZ
Premiere am 10. Oktober 2015 am Landestheater Linz




Renate Wolff
Die Welt, 12. Oktober 2015

Ideechen bitte draußen bleiben

Die Witwe eines norwegischen Kammerherrn ist erstmals nicht nur Frau Kammerherr und blickt zurück im Zorn. Die Ehefrau einer Stütze der Gesellschaft kauft in London Rittersporn für ihre Party und wünscht, ihr Leben noch einmal von vorn beginnen zu können. Die verheiratete ungarische Gräfin trifft auf ihren tot geglaubten Verlobten und sagt, er müsse vergessen.

Lauter Dramen. Man kann sie aber auch, wie Armin Holz es tut, »Familienfeste« nennen. »Ordnung und Exzess sind meine Familienfeste«, sagt der in Berlin und Krefeld lebende Regisseur. Am österreichischen Landestheater Linz hatten jetzt drei Stücke auf einmal Premiere. Henrik Ibsens Drama »Gespenster«, Virginia Woolfs Erzählung »Mrs. Dalloway« und als drittes Paul Abrahams vom Jazz beeinflusste, dadaistische Operette »Viktoria und ihr Husar». Bühne, Kostüm, Textfassungen: Armin Holz.

Ibsens Menschen feiern ein Fest der Lebenslügen und Desaster. Anne Bennent und Klaus Schreiber ganz in Schwarz, vor einem kargen, silberfarbenen Gehölz: Schreie und Flüstern. Sie küssen und sie schlagen sich. Der unschuldige Sohn Osvald (Peter Pertusini), ganz in Weiß, verfällt, in eine knallrote Federboa verwickelt, unter dem Reifrock seiner Mutter dem Wahnsinn. Aus dem Off lang gezogene Klagelaute der Berliner Jazzsängerin Lisa Bassenge.

Virginia Woolfs Menschen, milde versnobt, feiern »ihre Familiennostalgien im Bewusstseinsstrom, der alles, die Erinnerung und die Menschen, hinwegspült«. (Holz) Drei Schauspieler – Anne Bennent, Valerie Koch, Klaus Schreiber – interpretieren diesen Text. Bennent, barfuß, in changierendem Rosé und Lachs. Valerie Koch in schwarz-weißem Hosenanzug mit gepunktetem Oberkleid. Klaus Schreiber in blau-grün schillernder Jacke und weißen Hosen. Eine flirrend hingeworfene, pointillistische Darstellung.

Holz, 53 – als 23-Jähriger assistierte er Peter Zadek in Hamburg – , wird oft als Außenseiter bezeichnet. Als einer, der mit dem Stadttheater seine Probleme hat und auch kein Hehl daraus macht. Nicht nur einmal hat er, um unabhängig zu sein, Sponsoren für sich gewonnen. Denn dieser Regisseur kann und will nur das machen, was er kann und will und mit wem er will. Er kriegte und kriegt lauter Stars. Ingrid Andree, Hans Michael Rehberg und Dieter Laser traten in Wildes »Salome« auf, die Stars kamen per U-Bahn in die angemietete Berliner Probebühne Cuvrystraße, Gage zweitrangig. Sebastian Koch spielte in »Ein idealer Galle«, auch von Wilde. Ilse Ritter war »Dona Rosita« von Garcia Lorca (Kostüme: Barbara Baum). Peter Zadek, schon gebrechlich, besuchte eine Aufführung. Zum Schluss erhob er sich von seinem Sitz, erste Reihe Mitte.

Holz steht für ein erzählendes Theater. Schönheit – durch Bühnenbild, Kostüme und Licht – darf auch sein. Tendenzen wie Dekonstruktion, Verhässlichung sowie Authentizität über Laien – Pensionäre, Prostituierte, Hausfrauen et cetera – sind seine Sache nicht. »Das Theater funktioniert über Schauspieler«, sagt er, es finde nicht auf Bürgerbühnen statt. »Fest und Magie«, die Zentralbegriffe von Max Reinhardt, dem Regie-Doyen, sind für ihn »im Grunde das Zentrum des Theaters, das Kerngeschäft«.

Holz will keine Sensationen auf die Bühne stemmen, mag kein als Politik getarntes Gutmenschentum vorführen und lehnt Technoeffekte ab. Der Text eines Dramas, seine Essenz, stehen im Zentrum. »Man muss das Theater mit Poesie und Lebendigkeit wieder leuchten lassen«, sagt der Regisseur und fährt mit kleinen Fingern zärtlich durch die Luft. Sein Lächeln ist angriffslustig. Auf dem Theater geht es doch in erster Linie um menschliche Schicksale? »Ich glaube, Urthemen wie Liebe, Rache, Tod bleiben immer.«

Er ist ein Kartograf des Theaters, der vom Federkiel zum Kugelschreiber wechseln kann und dann mit Kohle und Grafit weitermacht – von Marivaux bis Wilde, von Shakespeere bis Carl Marie von Weber. Präzision und sensueller Duktus, elegische Dunkelheit und helle Freude. Ihm – der schon im Alter von vier mit Puppen- und Marionettentheater und Schattenspielen anfing und, als er eine schlimme Augenkrankheit bekam, über Jahre im Kopf weitergespielt hatte – ihm gelingt das Außergewöhnliche ohne angestrengte ldeechen. 1997 erhielt der Theatermann den Preis für junge Regisseure der Akademie für Darstellende Kunst. Er hatte am Staatstheater Hannover »Die falsche Zote« von Marivaux inszeniert. Unter seinen Händen geriet das Stück, schockierend und voller Lebensgier, »zu einem Verstellungs- und Verkleidungsspiel höchster Brillanz«, so in seiner Laudatio Kurt Hübner, der Entdecker. Er förderte Zadek, Stein, Grüber, Fassbinder. Holz habe »mit heißer Hand in die Kälte« gegriffen.

Die Operette »Viktoria und ihr Husar« war vor knapp hundert Jahren ein Hit. In Linz schlägt sie immer noch ein. Normalerweise musiziert ein 80-köpfiges Revueorchester. Bei Holz sind nur zwei 21-Jährige Talente am Werk, von ihm tatsächlich vor Ort entdeckt: Victoria Pfeil brilliert am Saxophon, Paul Schuberth mit dem Akkordeon. Die beiden Wunderkinder haben Abrahams Musik auf ihre Instrumente umarrangiert und bedienen, ganz nebenbei, noch zehn weitere, zum Beispiel ein Glockenspiel. Sie begleiten voller Lust die durchgeknallten Protagonisten (»Servus, Pupperl«) von Sibirien über Tokio und St. Petersburg nach Ungarn.

Valerie Koch als Japanerin in einem Ganzkörpertattoo und Oliver Urbanski als ihr gräflicher Ehemann Ferry in weißem Hausmantel singen »Mausi, süß warst du heute Nacht«, tanzen – und koksen – mitreißend. Schreiber als Husar, mit hoch aufgestülptem Haar, trompetet mit dem Mund und ist auch mit den Beinen enorm in Form.

Und alle kriegen sich. Die Herr-, die Diener-, die Verwandtschaft. »Da Gruß, da Kuss, da Ring, da Schluss.«