FAMILIENFESTE – EIN PROJEKT VON ARMIN HOLZ
Premiere am 10. Oktober 2015 am Landestheater Linz




Philip Wagenhofer
Neues Volksblatt / Linz, 12. Oktober 2015

Familienbande in einem Teufel durch

Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft besteht nicht immer, obwohl sie oft totgesagt wurde. Und doch kommt dieses Konstrukt immer wieder aufs künstlerische Tapet, hat es doch eine nie aus der Zeit fallende Klammer: Familienbande. Zum Fest stilisiert diese an den Kammerspielen des Linzer Landestheaters Armin Holz, der die Geister wachrüttelt, die »Gespenster« bei Ibsen, die »Mrs. Dalloway« Virginia Woolfs und in Paul Abrahams »Viktoria und ihr Husar« besagte Figuren. Er tut dies in einem Teufel durch, drei Stücke hintereinander, »Familienfeste« als Marathon. Ein faszinierender Versuch, teils anstrengend, umjubelt und alles inklusive viereinhalb Stunden dauernd. Ein kahler Baum bei jedem Stück auf der Bühne, eine Skulptur in Silber, die Äste gestutzt, Armin Holz, auch Ausstatter. Henrik Ibsen hat sein Stück (1881) in drei Akten als Familiendrama konzipiert, Holz hat es zu 70 Minuten komprimiert. Er entwirft ein Gefüge mit nach und nach bröckelnder Fassade. Ein Kinderasyl soll eingeweiht werden. Mit diesem will Helene Alving ihrem verstorbenen Mann ein gutes Andenken bewahren – quasi den ruchlosen Ehegatten begraben. Ein Jahr nach ihrer Hochzeit war sie ihm entfleucht. Pastor Manders (Klaus Christian Schreiber), der Helene liebte, hatte sie zurückgebracht – welch tugendhafte Tat. Aus Paris ist Sohn Osvald zurückgekehrt, der laut Arzt »etwas wurmstichig« sei. Die Ausschweifungen des Vaters ... Faszinierend lässt Holz seine Akteure immer tiefer in die familiäre Seele abgleiten, hält er der Gesellschaft ihre Falschheit vor. Regine, Tochter des Tischlers, liebt Osvald, der – wie sich herausstellt – ihr Halbbruder ist. Anne Bennent gibt der Witwe des Hauptmanns Alving Tiefe, die sie über das Wort und ihre Mimik und Gestik zu steigern weiß. Sie verdrängt, vertuscht, ist aber auch eine von Gewissensbissen geplagte Mutter, die den Sohn liebt.

Ein Zwischenspiel in 35 Minuten ist Virginia Woolfs »Mrs. Dalloway«, eine Erzählung, die Armin Holz gekonnt fürs Theater adaptiert hat. Flüssig und mit Humor entfaltet sich Indirektes in den Vorbereitungen zum Fest der Clarissa Dalloway, Anne Bennent schwelgt mit gebotener Mondänität in Erinnerungen. Liebe? Clarissas einstiger Angebeteter hat sich angesagt, der in sich murmelt, die Dame sei gealtert. Klaus Christian Schreiber wirft Blicke in Innenwelten. Gefühle? Ein Gehirn auf der Bühne, bohrend sind die Nachwehen des 1. Weltkriegs. Valerie Koch komplettiert das famose Trio. Furioser Abschluss des Abends ist die gut 100-minütige Operette »Viktoria und ihr Husar« von Paul Abraham, der zwei junge Musiker der Bruckner-Uni ihren Stempel aufdrücken. Victoria Pfeil, die vor allem Saxofone bläst, und Paul Schuberth an Quetsche und anderem Getön liefern eine grandios minimalistische Untermalung für ein Ensemble, in dem Anne Bennent als Gräfin Viktoria und Klaus Christian Schreiber als ihr Husar durchaus singen können. So eng darf man das nicht sehen. Das Stück ist nicht als Parodie angelegt, obwohl die Arrangements schmunzeln lassen.

Die Geschichte ereignet sich nach dem Ende des 1. Weltkriegs. Erzählt wird von der großen Liebe zwischen Gräfin Viktoria, die mit dem US-Botschafter John Cunlight verheiratet ist, und ihrem für tot gehaltenen Husaren Stefan Koltay. Es wird eine Abbildung des Fuji auf die Bühne geschoben, spielt doch Japan neben Sibirien, St. Petersburg und Ungarn eine Rolle. Wenn nun Anne Bennent das lyrische Tanzlied »Rote Orchideen« anstimmt und ihren Körper geschmeidig zur Melodei schlängelt, ist das beste Unterhaltung für das 20er-Jahre-Stück, das ob seiner verlogenen Operettenseligkeit ... Aber hier werden »Meine Mama war aus Yokohama« und ähnliche Gassenhauer zum jazzigen Ereignis, das swingt, kraftvoll, free oder Kakofonie ist – auf geniale Weise. Da würde in Ischl der Kalk rieseln. Klaus Christian Schreiber ist ein strammer Husar und Anna Eger eine wunderbar laszive Kammerzofe. Auch Peter Pertusini als Koltays Bursche und das übrige Ensemble sind bestens unterwegs. Armin Holz gelingt eine wunderbare Inszenierung voll der Poesie. Drei Stücke, die nicht nur, aber auch wegen Anne Bennent ein großer Theaterabend sind. Linz braucht öfter Experimente wie dieses.