FAMILIENFESTE – EIN PROJEKT VON ARMIN HOLZ
Premiere am 10. Oktober 2015 am Landestheater Linz




Hans-Dieter Schütt
Neues Deutschland, 22. Oktober 2015

Gewesen – und jederzeitlich

Dieser sonderbare Regisseur Armin Holz kommt vom Ende her. Wo alles an eine gewisse Beschlossenheit kam, wo die Grenzen gezogen sind. Auch für Zeit, denn: Der Mann ist nach geltendem Gesetz des raschen Gebrauchswerts über fünfzig! Armin Holz kommt vom Ende her. Vom Draußen, wo jeder Schritt in den Binnenkreis etwas Fremdes behält, etwas anmaßend Eindringendes. Und dies Anmaßende, es kommt von der Eigenart. Holz ist als Theatermann ein Unverbundener, verspielt, farbtoll, maniriert, dandynah, er ist gegenwartsresistent, ein Lichtkomponist. Seine artifizielle Getriebenheit, auf einer Bühne die alte Einsamkeit eines Schöpfers und die alte Geselligkeit des Gewerbes immer wieder frisch zu vereinen, hat etwas Ungelenkes, etwas bewusst aus dem Welt-Fernen Herübergeahntes. Eine entlegene Stimmungsenklave im Netzwerk aufreibender, aufreizender Milieus. Alle Jahre – von München über Hannover, Bochum, Berlin bis zu den Ruhrfestspielen, Neu Hardenberg und Mannheims Oper – sucht er sich für eine Inszenierung hochrangige Schauspieler und erstklassige Schwesternkünstler; meist ist Gerhard Ahrens, kommend von Peter Stein und Botho Strauß und Andrea Breth, sein Dramaturgenkopf; die edlen Programmhefte fotografiert Joseph Gallus Rittenberg, dessen Porträtinszenierungen von Bernhard bis Müller, von Jünger bis Schlingensief Legende sind. Ja, er kommt von einem Ende her, wo man sich das Mürbende einer schwierig bleibenden Eingemeindung in den Theaterbetrieb aber sehr wohl auch in eine gute Nachricht hinüberdenken kann: Bleib verlassen, und du verlässt dich nicht, bist geschützt vor allzu großen Unverschämtheiten künstlerischer Selbstverleugnung.

Nun inszenierte Holz am oberösterreichischen Landestheater Linz einen über vierstündigen Abend, »Familienfeste«: Ibsens »Gespenster«, dann eine kleine Strecke aus Virginia Woolfs Roman »Mrs. Dalloway" und schließlich »Viktoria und ihr Husar", eine Operette von Paul Abraham sowie den Librettisten Alfred Grünwald (»Gräfin Mariza«, »Die Blume von Hawaii«) und Fritz Löhner-Breda (»Das Land des Lächelns«), der in Auschwitz ermordet wurde. Ausstattung: Holz und Michael Müller, Musik: Lisa Bassenge. Familienfeste. Aufeinander zugehen – und aufeinander losgehen. Feste als eine Form der Öffnung, aber auch: die Feste – eine Verschanzung. Familie als Frieden und Friedhof.

»Gespenster« ist das Schwergewicht der Aufführung. Witwe Helene Alving bilanziert ihr vertanes Leben: Der nach außen so honorige Mann hat sie betrogen und ein Hausmädchen geschwängert. Der Sohn, der Mutter Lichtblick! Aber auch er wird sterben: Syphilis; Gruß vom Vater. Und inmitten aller: Pastor Manders, der mit leidenschaftlicher Falschheit den rechten Glauben propagiert.

»Mrs. Dalloway«: Eine Frau aus guter britischer Gesellschaft begegnet ihrem früheren Liebhaber, der nicht ihr Mann wurde. Eine Erzählung, verteilt auf drei Stimmen. Zwei Spielerinnen für die Dalloway, dazwischen der einstige Herzensmann. Feinfühlig und nahtlos komponierte Holz eine Art Wortsymphonie der wirklichen und nur gedachten Gespräche. Eleganz der Tagesstimmungen, Fließströme der Erinnerung, ein Gleiten der Melancholien, umweht von Kriegsneurosen. Wie man die Treppe hinaufsteigt, wo doch davon geredet wird, man komme herab. Immer Spiel mit Brechungen, immer kleine Keile der Verschmitztheit ins Ernsthafte hinein. Auch hier: Menschen, die in ihrer Vergangenheit hocken wie Gekettete. Wo bei »Gespenster« ein kalter Thronstuhl die Szene prägte, ist es bei »Mrs. Dalloway«, hinter den Spielern, ein Abbild des menschlichen Hirns. Als drückten das Gelebte wie das Ungelebte aufs Bewusstsein. Immer auf die gleiche Stelle. Folter.

Die Operette! Fallhöhe. Aber wie viel Höhe im Fall selber. Ein Schlagerträller-Reisepotpourri aus dem Jahre 1930, er führt von Japan über Russland nach Ungarn. Der Name Grodek fällt, Grauensort des Ersten Weltkrieges, hier Überlebensort für einen Husaren; es folgt sein unerwartetes Auftauchen im Leben der verheirateten Gräfin Viktoria. Hoppla, wir singen noch! Verirrungen bis zum Happy End. In der Feier sämtlicher Klischees von Zigeunerblut und Russenwehmut, von Pusztafeuer und japanischem Kirschblütengemüt offenbaren sich Überschwang und Überschwung eines Theaters, das so froh wie fremd sein will inmitten heute so fortwährend abverlangter Aufnahmeprüfungen für die Ödschule politischer Reflexe.

Es taucht in Linz eine aberwitzig fremde Frau auf. Wie viel Leidenswahrheit in den Augen, und dann dieser entbehrungsharte oder zu einem unglaublichen Schmerzenslächeln nervös weich gemeißelte Mund. Als Frau Alving ein Flehen und Röhren, ein Luftschnappen und Sturmtoben. Wie diese Frau Alving mit den Fingern an den Wänden kratzt, einem rachsüchtigen Streichholz gleich, das sich brandschatzend entzünden möchte. Wie sie ihren siechenden Sohn in den Stuhl drückt, als bette sie ein Kleinkind. Die Frau hängt am Tropf unerfüllter Sehnsüchte und an der fein versteckten Flasche. Seele und Herz wie zu Eiskristallen zerborsten, die verzweifelt nach Schmelz- und Siedepunkten suchen. Eine Erfrorene in Familienhöllenhitzen.

Als Dame Dalloway dann: von schwebendem Hochmut, die Stimme kann jetzt ins Pfeifen kommen wie eine herabsirrende Bombe.

Jetzt weiter! Operette! Mit hellem, innigem Ton singt sie als Viktoria ihre Schmachtgesänge. Mit denen sie ihre liebeserfüllte und liebesverwüstete Seele spazieren führt wie einen wollfellweich herumtollenden Hund. Die Hände schlagen schönste schnelle Schleifen durch die Luft, und du siehst Orchideen wachsen. Eine Überwältigerin durch Brüche. Ein Porzellantellerchen, auf dem ein Rotzlöffel liegt. Wäre sie Teufelin, trüge sie gewiss noch immer Engelsflügel. Die wären bunt wie ein Clownskostüm. Anne Bennent!

Klaus Christian Schreiber ist ihr Hauptpartner. In den »Gespenstern« der im Heuchlerhymnus so professionelle, sich in falscher Hysterie windende Halskrausen-Pastor. Stark, wie die verkrampften, wellenartig hereinplatzenden Berührungen mit Frau Alving just die Geschichte aller versäumten Nähe erzählen. In »Mrs. Dalloway« ein gelassener, zynisch angewehter Lebemann, der sich in Sachen Familie als glücklich davongekommen wähnt. Und in der Operette ein glanzvoller Sänger, ein Husar mit lustspielwildem Haar, so viel Kerl wie Komiker.

Um Bennent und Schreiber herum: ein bezauberndes, auch augenzwinkernd kunstgewerblich parlierendes Ensemble, das zu grotesken, galligen, galanten Passagen findet. In der Operette musikalisch begleitet von Victoria Pfeil und Paul Schuberth, zwei jungen Musikern (Akkordeon, Saxophon, Xylophon) – Schmalz, der bezwingend übergeht zu frechem, freiem Jazz.

Drei Stücke. Keine Klammer. Oder doch? Holz ist ein Spieler mit Gewesenem – um es jederzeitlich zu machen. Nichts ist echt, aber alles erkennbar. Alle Wege zum Geist führen über Künstlichkeit, Pappmache, betonte Stilisierung, bizarre Gestik. Nur nichts Natürliches! – bei all den Erkundungen in aufgestörter Menschennatur. Der grelle Expressionismus wirft dem Biedermeier eine rote Boa um den sauberen Hals. Ein gemalter Streifen Wolkenhimmel genügt, um aus dessen Bestrahlung eine Szene der Beglückung und aus dunkelgrau-metallener Verfärbung eine bittere soldatische Urszene ganz aus Tod zu assoziieren. Holz inszeniert noch jeden aufgedonnerten Verzückungs- und Verzweiflungsschmuck als Seelenputz ganz normaler Verrückter.

Während aller drei Geschichten liegt vorn rechts ein Stein, hinten steht ein Baum. Der Stein hat Zeit, er hat sie, weil er nicht weiß, was Zeit ist. Wir träumen von diesem Zustand, und gehen deshalb ins Theater. Der Baum, silbern, pure Konstruktion, im Grunde leblos – sieht aus wie ein innehaltender Tänzer. Äste und Stamm: eingefrostetes Ballett. Ein Zweig wie ein Finger, er zeigt hinaus, weit weg. Natur trifft Kultur. Stirbt diese in jener oder jene in dieser? Wer weiß. Aber nichts mehr führt zurück zu Ursprüngen. So reiht sich Leben an Leben. Alles fängt traurigst an, das Ende ist eine Operette. Lustig? Bravo!