Deutsch von Armin Holz und Richard Gardner
in der Probebühne Cuvrystraße, Berlin
Premiere am 30. August 2003, 21 Uhr

Klaus Dermutz
Die Zeit, 28. August 2003

Der Vogelfreie

Theater muss am Rand gemacht werden: Die Obsessionen des Regisseurs Armin Holz

Armin Holz ist ein Solitär, und die Bühne ist sein Refugium. Viele Mythen haben sich um den 41-jährigen Regisseur gebildet - vor allem in der langen Zeit, während der er nicht inszeniert hat.

Holz sieht am Beginn des Gesprächs sein Gegenüber lange an. Fünf Inszenierungen in 15 Jahren, sagt Holz trocken, haben das Licht der Welt erblickt, das ist nicht viel. In seiner Stimme schwingt ein heiterer Ton mit. Bereits die erste Arbeit sprengte die Dimensionen des Stadttheaters. Oscar Wildes Bunbury, aufgeführt in einem Gewächshaus in München-Moosach, wurde von der Münchner Kritik mit einiger Entrüstung hingenommen. Holz trat in seiner Diplominszenierung selbst als Dandy auf und griff die Welt der Repräsentation an. Das war dann doch zu viel an Einmischung in den Lauf der mondänen Welt.

Armin Holz, 1962 in Krefeld geboren, hat nicht die Mentalität eines Angestellten. Er hält nichts davon, sich als Regisseur hochzudienen und anzubiedern. Die patriarchalen Belohnungen und Bestrafungen der Intendanten hat Holz längst in den Wind geschlagen. So bekam er nach dem Regiestudium an der Otto-Falckenberg-Schule (1985-1989) schnell den Ruf, ein Schwieriger zu sein. Das Stadttheater ist in diesem Punkt mit einem Frühwarnsystem ausgestattet. »Ich bin der Mann am Rande«, sagt Holz. Belustigt stellt er sich die vielen vermeintlichen Inszenierungen der kommenden Saison vor, die nicht ohne die Pannen und den Charme einer Produktion auskommen werden. Zweimal hat Holz am Stadttheater inszeniert, 1992 Ramón de Valle-Incláns »Wunderworte« am Deutschen Theater Berlin und 1996 Marivaux' »Die falsche Zofe« am Schauspiel Hannover. Zwei Erfahrungen der völligen Ernüchterung.

Das Stadt- und Staatstheater, sagt Holz, werde ausbluten; es werde immer weniger Geld zur Verfügung haben, und der Ausstoß an grandiosen Inszenierungen sei bei 2500 Premieren im deutschsprachigen Raum pro Spielzeit doch sehr gering. Holz lacht hell auf, als er erzählt, dass die Theater ihn immer wieder als Stellvertreter »für Sensibilität und Irrsinn« einkaufen wollten. »Wir brauchen einen Regisseur«, lautete oft der Lockruf bei den Vorgesprächen, »der sensibler und irrer ist - als wir selbst.« Doch als er seine Bedingungen stellte, war das Verständnis für Sensibilität und Irrsinn schnell aufgebraucht.

Holz sieht sich als Vorreiter einer Bewegung, die in den angelsächsischen Ländern längst alltäglich ist. Er ist ein vogelfreier Regisseur und sucht Gleichgesinnte, die ein Stück des Weges mit ihm gehen. Für eine »Holz Theaterproduktion« werden berühmte Schauspieler engagiert, die eine Auszeit vom Stadttheater nehmen oder sich zwischen zwei Filmproduktionen den Luxus eines Off-Projekts leisten. Für Oscar Wildes 1896 in Paris uraufgeführte Tragödie »Salome«, die an diesem Samstag mit Jeanette Hain in der Titelrolle in der Probebühne Cuvrystraße in Berlin-Kreuzberg Premiere hat, gelang es dem Produktionsleiter Carsten Ahrens und Armin Holz, 80000 Euro an Subventionen aufzutreiben. Das ist nicht viel für eine Inszenierung, die bis zum 24. September an 15 Abenden gezeigt wird - als »große Liebesgeschichte, die an Unbedingtheit nicht zu übertreffen ist«.

Holz' Theatergötter sind alte Meister: der im letzten Herbst verstorbene Rudolf Noelte, Peter Zadek, Klaus Michael Grüber und Patrice Chéreau. Zadeks »Baumeister Solness« (1983) war für Holz die »Urerfahrung am Theater«.

Um Hans-Michael Rehberg für Wildes »Salome« zu gewinnen, hat Holz dem Schauspielkünstler seinen Text »Mein Theater« geschickt; Rehberg hat sofort zugesagt. In Christian Stückls Salzburger »Jedermann«, meint Holz schelmisch, spielte Rehberg letztes Jahr Gott, »und bei mir spielt er Herodes«. Auch bei Dieter Laser musste Holz keine Überzeugungsarbeit leisten. So einfach kann es gehen, wenn die Schauspieler beim Regisseur Hingabe spüren. Holz ist ein Wanderer zwischen den Welten. Ein Wanderer, der träumt und in den Träumen sich selbst erschafft. Er sagt von sich selbst, dass er keiner Gruppe zuzurechnen sei und sich für den so genannten Generationenkonflikt an den deutschen Theatern nicht interessiere.

Ihn locken die Stücke am Rand des Repertoires. Keine deutschsprachigen Dramatiker und keine Gegenwartsautoren finden sich darunter: »Ich habe nur Stücke inszeniert, die nicht en vogue sind.« Neben den bereits erwähnten Stadttheater-Arbeiten sind es noch Alfred de Mussets »Man spielt nicht mit der Liebe« (1991) und Jane Bowles »Im Gartenhaus« (2001). Diese beiden Projekte entstanden bereits als Eigenproduktionen.

Vor der Zukunft hat Holz keine Angst. Wenn einmal keine Sponsorengelder mehr fließen sollten, will er in seiner Wohnung Zweipersonenstücke aufführen. Theater ist für ihn »die Form der Kommunikation - die größte und letztlich die einzige Obsession. Der Rest des Lebens interessiert mich nicht. Meine Fantasie lebt nur fürs Theater.«

Wie in jedem Regisseur schlummert auch in Holz ein Missionar. Seinen karriereversessenen Kollegen ruft er wie ein Mahner zu: »Betrachtet den Theaterbetrieb vom Rand aus. Bleibt Außenseiter: Das schärft den Blick.«

Am Ende der Begegnung erzählt Holz seine Lebensmaxime. Man müsse Erfahrungen von Bitterkeit vermeiden, und das Maß an Verletzungen dürfe nicht so groß werden, dass man keinen Schritt mehr vor den anderen setzen könne. Das sei die Aufgabe jedes Menschen. Und dann lacht er wieder, wie Außenseiter lachen - abgründig, in sich gekehrt.