Deutsch von Armin Holz und Richard Gardner
Premiere am 25. Februar 2006 im Schauspielhaus Bochum

Helmut Schödel
Süddeutsche Zeitung, 3. März 2006

Rückkehr des Dandys

Armin Holz beweist sich mit Wildes »Ein idealer Gatte« am Schauspielhaus Bochum

Dieser Armin Holz, aufgewachsen in Krefeld, Regie studiert an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule, ist der große Besondere unter den Theaterregisseuren. In der Regel inszeniert er nur einmal im Jahr, in manchen Jahren auch gar nicht. Er arbeitete nur zweimal an etablierten Häusern, in Hannover und am Deutschen Theater Berlin, und finanzierte sich dann seine Aufführungen durch Sponsoren. Er war sein eigener Intendant, besetzte mit fast Noelte-hafter Akribie, wie es in den Theatern kaum noch möglich war, erwies sich nicht unbedingt als Freund der Bühnenbildnerei, brachte dafür aber die Kostümbildner ins Grübeln. Während die zunehmenden Effekthaschereien der Dekonstruktivisten seinen Geschmack beleidigten, entwickelte er seinen Purismus zur Extravaganz, und seine Auftritte wurden jeweils von großem Medieninteresse begleitet. Dann war er wieder verschwunden.

Letzteres schien die lntendanten eher zu beruhigen. Schließlich wollte er die Theaterkunst vor dem Institutionen retten. Das zeugte nicht gerade von Corporate Feeling. Holz, dem Überfluss nicht prinzipiell abgeneigt, sagte: »Was brauch ich sieben Requisiteure? Wenn man sagt: 'Ich brauch 'ne Rose, sagen sieben Requisiteure: Ham wer nich'!« Dass sich ein Regisseur mit jedem Stück einen Wunsch erfüllen müsse, sagte Holz, und alarmierte die Intendanten schon wieder. Denn die Branche die lebt anders. So galt Armin Holz als Snob.

Als er 1988 seine Abschlussinszenierung an der Falckenberg-Schule zeigte, war es natürlich ein Stück von Oscar Wilde; Er inszenierte in einem großen Gewächshaus »Bunbury«, aber nicht als saloppe Gesellschaftskomödie. Aus Allüren waren Psychosen geworden, und Holz, damals kaum 25, schien für diese Zerstörtheit ein fast dandyhaftes Interesse zu entwickeln. Er inszenierte »Bunbury« als Ende der Salonkomödie.

Jetzt hat er sich im Bochumer Schauspielhaus Oskar Wildes »Ein idealer Gatte« vorgenommen. Dafür was ein Wunder nötig. Der neue Bochumer Intendant Elmar Goerden hatte nicht nur den längst überfälligen Schneid, sondern offenbar auch gute Argumente, Holz ans Stadttheater zurückzuholen – für zwei Inszenierungen pro Spielzeit und als Mitglied der künstlerischen Leitung. Da staunt der Laie, wundert sich aber nicht, wenn Goerden jetzt diese Entscheidung nicht bereuen muss.

Natürlich fand sich Holz mit den Besetzungsmöglichkeiten im Haus nicht ab und engagierte sich Sebastian Koch als Hauptdarsteller. Koch war seit der Schließung des Berliner Schillertheaters auf keiner Bühne mehr zu sehen und machte Karriere als Fernsehschauspieler, unter anderem bei Breloer. Jetzt spielt er Lord Goring, einen gerade noch jungen Dandy der Londoner Gesellschaft, der trotz täglicher Ausritte, regelmäßiger Opernbesuche und reichlichen Partyangebots gegen die Langeweile kämpft. Storchenhaft stakst er durch den Quark, den diese Gesellschaft erzeugt. Anfangs ein schmachtendes Weichei, das ständig einknickt und vergeblich nach einer Art von Balance sucht. »Natürlichsein ist eine Pose, die sich sehr schwer durchhalten lässt«, heißt es im Stück. dieser Lord Gong ist kein rebell without a case, er ist ein Märtyrer ohne Passion.

Hinter dem Vorhang sieht im erden Akt eine silbrige Metallwand: das feine London ist ein Raum ohne Tiefe, in den sich die Ladys und Lords einfädeln und sich exaltieren wie in einem Salon des 19. Jahrhunderts. Wenn die Metallwand verschwindet, sieht man in größerem Abstand eine neue. Kaum leuchtet sie wie das Gold, zu dem man drängt, verblasst sie schon wieder. Davor steht die intrigante Miss Cheveley (Jeanette Hain) wie eine Madonna der Korruption, entwickelt sich Lord Going mit grünen Handschuhen zum Diplomaten, der ein Happy End herbeiführen wird. Das Stück, das Holz inszeniert, heißt: der Dandy und die Diebin. Sie sind die bunten Vögel dieser Londoner Gesellschaft. Alle anderen zwängen sich wie ein letztes Mal in zwar extravagante, aber farblose Kostüme.

Früher hatte sich Holz durch seinen »camp«-Geschmack profiliert, also durch eine Art von Ästhetizismuss, eine Überbetonung des Stils. Jetzt wird ein Vertreter dieser »camp«-Welt, die Susan Sontag in den sechziger Jahren definiert hat, zum scheinbaren Retter einer Gesellschaft, in die schleichend das Gift des Betrugs einsickert. Nach drei Stunden sind wir ganz bei uns. Wie schön wäre es im Wald, wenn die begabten Vögel singen dürften! Aber die Welt ist kaputt. Was tut da ein »camp«-Regisseur? Er wendet sich an den Maßschneider und seinen besten Kunden: Lord Goring.

Die Gattin des korrupten Politikers, Lady Chiltern, führt Holz in sackartigen Kleidern mit in Zöpfen hochgesteckten Haaren als gefährliche Landpomeranze vor. Sie lebt in einer moralischen Parallelwelt und ist eine wahre Gefahr für das korrupte London. Imogen Kogge spielt sie mit hysterischer Kopfstimme als nervtötenden Ehetrampel. Während sich die Diebin immerhin um Stil bemüht, hat sie gar keinen. Sie ist eine Lügnerin mit reinem Gewissen, auch wenn sie nach dem Ende aller Intrigen ihrem Gatten ihre Liebe schwört nach dem Muster: »Ein Schiff wird kommen.«

Da wären dann noch die Butler, die alle Cornelius Schwalm spielt. In Slow Motion und mit geisterhaftem Lächeln. Schwalm geht, ohne sich zu bewegen, lächelt. ohne zu lächeln. Seine Aliens sind die Quintessenz dieser Gesellschaft.

Nach dem Wunder seiner Berufung kam für Armin Holz das zweite: eine umjubelte Premiere. Man beginnt ihn offenbar zu verstehen. Am Ende war es nicht nur eine großartige Ensembleleistung (mit Margot Carstensen als Lady Markby und Markus Boysen als Sir Chiltern), sondern auch ein Kampf der Stile, zwischen Realismus und Manierismus, zwischen «camp« und Ibsen. Der Sieger war Armin Holz.