Deutsch von Friederike Roth
Eine Veranstaltung der Theaterproduktion Holz GbR
in der Probebühne Cuvrystraße, Berlin-Kreuzberg
Premiere am 8. Juli 2001

Robin Detje
Theater der Zeit, September 2001

Lob der Verdrängten

Liebe Theaterkünstler! Liebe Kritiker, Dramaturgen und Studenten der Theaterwissenschaft! Herzlichen Glückwunsch zum Anpfiff der neuen Spielzeit. Manchen von Ihnen mag das Wiederanfangen, das wieder Wiederweitermachen ein herrliches Glücksgefühl bescheren. Wie ein unbeschriebenes Blatt liegt die hoffentlich schon total verplante Saison vor uns, alles andere wäre ein unverantwortlicher Umgang mit öffentlichen Mitteln. Liebe Poseure im öffentlichen Leidenschaftsdienst, es geht wieder weiter und voran. Gerade eben hat mich übrigens Uli angerufen, der berühmte Maschinenkomiker aus dem Niederbayerischen, um mich wissen zu lassen, dass er am Samstagabend in Potsdam im Park von Sanssouci mit auf die Stirn geklebten Teufelshörnern halbnackt aus einem Flügel springen wird. Das ist eine seiner besten Nummern, und ich werde sie keineswegs verpassen. Uli ist ein Schlagdrauf-undschluss-Komiker. Er platzt herein. Er brüllt und trommelt. Er schreit einem das Telefon kaputt. Einmal ist Uli auf der Hochzeit seines Bruders Frieder aufgetreten und hat das Weinglas vor meiner Nase zerhauen, dass es in klitzekleinen Splittern durch die Gegend spritzte. Tagelang habe ich darauf gewartet zu erblinden, aber dieses prachtvolle und sicher aufsehenerregende Schicksal blieb mir erspart.

Der Kraftmensch Uli kommt aus einer Kraftkerls-Sippe und hat dann in eine uralte französische Zirkusfamilie eingeheiratet. Diese Menschen werden vor Energie wahrscheinlich halb verrückt und schuften und hämmern und machen tagein und tagaus, während ich zehn Tassen Latte Macchiato brauche, um über die Tischkante gucken zu können. Sich nützlich zu machen kann eine ungeheure Anstrengung bedeuten, wenn man von allem zuviel hat. Man steht dann den halben Tag auf dem Kopf, und was Uli angeht, stimmt das wahrscheinlich buchstäblich. Er hatte auch einen Kraftmenschen zum Vater, der als Kriegsgefangener in Sibirien zwei Wachen erschoss und dann zu Fuß nach Bayern marschierte. Vor ein paar Jahren hat er mit seiner alten Pistole auf einen anderen seiner kräftigen Söhne geschossen, aber daneben. Dann hat er die Pistole umgedreht und sich umgebracht, einfach so.

Einerseits: Worauf wollte ich jetzt hinaus? Andererseits ist es natürlich doof, immer auf etwas hinaus wollen zu sollen. Das Leben von Komikern kann auch ernst sein. Es ist besser, wenn Gläser weiter von einem weg zerhauen werden: noch schöner ist, wenn niemand auf einen schießt, auch man selber nicht. Kraft und Energie sind noch keine Kulturleistung, das Auf-dem-Kopf-Stehen aber schon: Wer auf dem Kopf steht, leistet etwas und kann währenddessen auch an sich kein Verbrechen begehen.

Als ich mir die Geschichte von Uli und meinem Weinglas wieder erzählte, musste ich dann doch an Klaus von Dohnany denken, den berühmten Protestzuschauer aus dem Hamburg der vergangenen Theaterspielzeit. Man kann ja immer aufstehen und gehen, außer im wirklichen Leben. Jetzt steckt schon viel mehr Moral in diesen dreieinhalb Absätzen, als ich selber wollte. Wie konnte das passieren

Das Theater ist jedenfalls eine herrliche Erfindung, angeblich erfunden, uns unser Gefäß für das Verdrängte zu zerschlagen - aber wehe, es täte es oder käme dem nahe! Erbost würden wir aus dem Zuschauerraum stürmen, um uns selber zu erschießen oder ersatzweise zu fordern, dass Regisseure nun endlich wieder einen respektvolleren Umgang mit den Texten großer Dichter pflegen müssen.

Diese Kolumne ist deshalb dem Verdrängten gewidmet, der zartesten Versuchung, seit es Kunst und Psychoanalyse gibt. Was ist das Verdrängen doch für eine Lust! Vielleicht unsere süßeste. Und warum wohl zahlt die öffentliche Hand für Institutionen, die sie uns madig machen wollen? Muss man sich das gefallen lassen? Man muss es natürlich nicht.

Am glücklichsten ist vielleicht, wem es gelingt, das Verdrängte selbst zu verkörpern. Der Regisseur Armin Holz hat sich in den vergangenen Jahren die Rolle des vom Stadttheater verdrängten Genies erobert. Das Holztheater ist eine schöne Wasserleiche, die sich alle paar Jahre in Küstennähe treiben lässt und ein herrlich blutiges Taschentuch an den Strand wirft, das wir gefälligst aufheben sollen. Es pflegt einen Kult der Kraftlosigkeit, dies aber mit außerordentlicher Zähigkeit: Die Kameliendame als Langstreckenläuferin. Jüngst im Juli stand "Jane Bowles: Im Gartenhaus" auf dem Taschentuch; der Ort des diesmaligen Niedersinkens des Holztheaters war Berlin-Kreuzberg, die alte Probebühne der Schaubühne in der Cuvrystraße.

Alles zwanghaft Zarte - hinter dem sich verzweifelt zusammengedrängte Kraftausbrüche verbergen könnten, die nicht aus ihrem Zartheitsgefängnis hinaus dürfen - ist dem Holztheater zugänglich, alle reine Kraft, alles viril Schwitzende oder Stampfende verdrängt es unter großem Kunstaufwand. Jedes Mal, in jeder der seltenen Holz-Inszenierungen, stockt einem ein, zwei Mal der Atem, wenn einer der Schauspielerinnen in größter Leichtigkeit ein Moment gelingt, der das Weggedrückte an die Oberfläche zu ziehen droht - und dann doch nur elegant mit dem Schleier spielt, den Holz darüber gelegt hat. Diese Inszenierungen verstehen sich auf Gefühle, die aus den kompliziertesten Gründen nicht gefühlt werden dürfen, und sie verstehen diese Gründe bis auf den Grund. Für einfachere Gefühle, jenseits der höchsten neurotischen Delikatesse, interessiert das Holztheater sich nicht und brettert ohne jede Zärtlichkeit über sie hinweg. Das Unausgeglichene dieser Kunstleistung ist in seiner Schwäche unbestreitbar groß. Da der Regisseur sich der Verachtung alles Kraftvollen ganz ergeben hat, gibt es für ihn zur Zeit möglicherweise gar keinen anderen Ort als jenen, den er heute besetzt hält, den er sich selbst geschaffen hat und völlig kontrolliert. Dieser Ort ermöglicht es ihm, im Unglück des Holz-typischen Verkanntseins selig zu verharren und in diesem Zustand von den Zeitungen porträtiert zu werden. So leidet Holz und leidet schön. An einem ganz anderen Ort, vielleicht nicht weniger tragisch vom mittleren Menschenmaß entfernt, haut Uli, mein liebster Maschinenkomiker, währenddessen gnadenlos auf die Gläser, aus denen man dann nachher nicht mehr trinken kann. Prost Spielzeit.