Deutsch von Friederike Roth
Eine Veranstaltung der Theaterproduktion Holz GbR
in der Probebühne Cuvrystraße, Berlin-Kreuzberg
Premiere am 8. Juli 2001

Peter Hans Goepfert
Berliner Morgenpost, 10. Juli 2001

Herrlich überspannt

Surrealer Witz: »Im Gartenhaus« von Jane Bowles in einer musikalisierten Inszenierung

»Das Aroma eines vor kurzem probierten, erfrischend bitteren Getränks« schmeckte Truman Capote, ein Freund von Jane Bowles, bei »Im Gartenhaus«, dem einzigen Theaterstück der rastlosen amerikanischen Autorin (1917-1973), die schon früh mit psychischen und körperlichen Behinderungen zu kämpfen hatte. Bei tropischen Temperaturen brachte eine Freie Produktion im Kreuzberger Probendomizil der Schaubühne dieses wundersame Werk heraus.

Sonnige kalifornische Küste. Die selbstbewusste, aber von einem Vaterkomplex bedrängte Gertrude Eastman Cuevas heiratet aus finanziellen Gründen einen stinkreichen Mexikaner, der mit großem Familienclan anrückt. Sie lässt ihre verstockte Tochter Molly mit dem halbgaren Jüngling Lionel zurück. Trägt Molly Schuld am Tod des Mädchens Vivian, deren schrullige Mutter sich mitsamt ihrer Verzweiflung im Alkohol auflöst? Abhängigkeiten, Einsamkeit, Lebensleere, nicht erfüllte familiäre Erwartungen, Aneinander-Vorbeireden. Nur die mexikanische Großfamilie mit ihren fast einfältigen Typen scheint zu funktionieren.

»Im Gartenhaus« wird nicht selten als amerikanischer Tschechow gelesen, aber auch mit dem frühen Tennessee Williams in Verbindung gebracht. Die kleine Inszenierung von Armin Holz löst sich von solchen Klischee-Bindungen. Die Bühne bleibt nahezu dekorationslos, sie liegt, orangerot und cremefarben, in gleißendem Licht. Keine üppige, mit Kakteen gespickte und symbolhaft heruntergekommene Vegetation. Das Gartenhaus ist hier nur ein erhöhter Vorsprung an der Mauer, der von den verschiedenen Frauen aufs unterschiedlichste erklommen sein will.

Holz hat für seine musikalisierte, teilweise tänzerisch belebte Inszenierung, die besonders die Überspanntheit der Figuren mit fast surrealem Witz leuchten lässt, ein erfreuliches Ensemble auf Zeit versammelt. Tatja Seibt ist anfangs eine scheinbar in sich ruhende Frau und besitzergreifende Muttergestalt. Ihre lakonisch knappen, ironisch gefauchten Bemerkungen treffen witzig wie kleine Geschosse. Allein den späteren Absturz, nach dem gescheiterten mexikanischen Ehe-Experiment, nimmt man dieser starken Person weniger ab. Nadja M. Schulz spielt eine hoch nervöse Vivian; Musik scheint ihre aufgekratzte Psyche - und ihren zuckenden Leib - in Fahrt zu halten.

Swetlana Schönfeld, als mexikanische Schwägerin, ist unentwegt von lateinamerikanischem Rhythmus beflügelt: Sie strahlt unverdrossenen Optimismus, Vitalität und Genuss aus. Wenn diese dem guten Essen ergebene Person sich die Leiter hinaufschwingt, spürt man ihre ganze Lebensfreude. Keine Geringere als Claudia Skoda hat das Ensemble mit teils elegant laszivem Chic, teils auch fantasievoll drapiertem Tuch eingekleidet. Das schmorende Publikum schien die mit poetischer Sensibilität, Humor und rhythmischer Präzision gearbeitete Aufführung besonders im animierenden ersten Teil sehr zu mögen.