Deutsch von Friederike Roth
Eine Veranstaltung der Theaterproduktion Holz GbR
in der Probebühne Cuvrystraße, Berlin-Kreuzberg
Premiere am 8. Juli 2001

Hans-Dieter Schütt
Neues Deutschland, 12. Juli 2001

Das Fundament: Herztrümmer

Im Theater sitzen - wie im Kargen einer puritanischen Kirche. Das Wetter liefert am Premierenabend die Schweiß treibende Sphäre für den tiefen amerikanischen Südwesten. Kalifornien befindet sich auf schmaler, fast leerer Bühne in Berlin-Kreuzberg - wo einst die Schaubühne, im Zeitalter von Grüber und Breth, ihre Proben absolvierte und kleine, große Aufführungen zeigte. Regisseur Armin Holz inszenierte mit mühsam gesammeltem Geld und einer freien Truppe auf (kurze) Zeit Jane Bowles Stück »Im Gartenhaus«, 1951 in den USA uraufgeführt.

Im Gartenhaus - eine Sitzplatte, die etwa zwei Meter über dem Boden aus der orangenen Wand ragt - schaut Molly (Valerie Koch) aufs gehasste Meer. Traurig, gelähmt; aber die Haut, das dunkle Kleid halten wohl einen Hassvulkan zurück.

Überhaupt der Hass. Molly hasst ihre Mutter, ihre Mutter Gertrude hasst das Gartenhaus. Sie wird dem Mexikaner folgen, der mit seiner folkloristischen Familie zur Miete wohnt - und auch ihn sehr bald hassen. Auch Molly wird heiraten. Nur weg! Am Schluss Rückkehr, Wiederbegegnung - erneut Hass. Gebrochene Seelen. Mutter und Tochter: zwei brüchige Säulen einer Beziehungsruine. Tatja Seibt als Gertrude: durchtrainierter Verdrängungskörper, auf ihrer Zunge der graue Geschmack der gezügelten Vernunft; eine Vernunft, die ihr Gebäude baute auf den Trümmern des Herzens; später ist sie ein Menschenfetzen der Hinfälligkeit.

Nur Vivian (Nadja M. Schulz), Gast im Haus, war inmitten aller Verlustanzeigen das hysterisch-jubelnde Musterbild eines Nerv tötenden positiven Denkens - und stürzt von der Klippe. Was sie hinterlässt, ist ihre Mutter, eine Dame in Blau und Ereignis des Abends: Angela Schmid als seltsam schwebender, nichtssüchtiger Engel der Verlorenheit, in dem alles Unglück aufgehoben ist in ein alkoholisiertes Wunder voll Ironie - als wolle dieser Mensch dauernd sagen: Das Leben dünkt mich sonderbar, seit ich ihm nicht mehr gehöre.

Woran erinnert der Abend mit seinen Seelenschreien, seinen aufplatzenden Verdruckstheiten? An das, was wir nicht immer wissen wollen: Alles Verwürgte in uns lebt weiter, alles Sehnen kehrt irgendwann wieder, so wie es war - oder aber ganz anders, maskiert. Das Leben noch einmal als Anfang zu denken - es kann allerdings gefährlich werden, vielleicht.

Gefährlich? Ja, denn der Terror jener emotionalen Einebnungen, mit denen wir gewöhnlich das Einerlei der Tage bestreiten - er rettet uns: Wir haben schließlich alle viel zu tun und brauchen eine Ordnung der mittleren Temperaturen und der gegenseitigen Verträglichkeit. Man schaut auf diesen Seelenbrand im Gartenhaus; die Inszenierung will kalt sein, und sie atmet doch auch durchglüht auf: Nur die Kunst darf radikal sein - in dieser tatsächlichen Welt, die den täglichen Kompromiss braucht, das kleine Beigeben, die unheroischen Versöhnungen. Was außer Kunst bringt uns noch Nachrichten von den Sandstürmen der Sahara und den Eisbergen der Polarkappe. In uns.

Die Frauen des mal böse depressiven, melancholischen, dann wieder boulevardesk kullernden Stücks (Musik: Till Brönner) leben und sind doch schon gestorben - an Unglück, an Eifersucht, am Stoßgebet verfluchter Einsamkeit selbst dort, wo sie die Liebe wenigstens versuchen. Nie Freiheit, nie Heimat, nie ein wirklich gelöster Blick.

Armin Holz inszenierte Vertrautheit mit verlöschenden Dingen, und er inszenierte vor allem Mathematik: Leben und Erfüllung sind zwei Parallelen. Die sich wohl erst in einer Unendlichkeit treffen, deren Ort wir nie auffinden werden. Weil er zu tief in uns selber liegt.