Deutsch von Friederike Roth
Eine Veranstaltung der Theaterproduktion Holz GbR
in der Probebühne Cuvrystraße, Berlin-Kreuzberg
Premiere am 8. Juli 2001

Günther Grack
Der Tagesspiegel, 9. Juli 2001

Die Nerven liegen bloß

Was ist da passiert an der kalifornischen Pazifikküste, ein Unfall oder ein Verbrechen? Die fünfzehnjährige Vivian ist von den Klippen in den Tod gestürzt - mag sein, dass sie einen Fehltritt getan hat. Kann aber auch sein, dass Molly, drei Jahre älter als Vivian, nachgeholfen hat. Ein Motiv für das Verbrechen, begangen im Affekt, hätte die Phlegmatikerin jedenfalls gehabt, ein doppeltes sogar: Eifersucht auf das Temperamentsbündel, das nicht nur Mollys Mutter angehimmelt, sondern auch mit Mollys Freund angebandelt hat. Die Frage, Unfall oder Verbrechen, bleibt jedoch ohne Antwort: Jane Bowles' Theaterstück ist kein Krimi, der darauf abzielt, menschliche Schuld aufzudecken, sondern ein Schauspiel, das seine Spannung daraus bezieht, etwas in der Schwebe zu belassen. Als Mollys Mutter ihre Tochter fragt, was passiert sei: »Wo ist Vivian?«, erwidert Molly: »Sie sammelt Muscheln...« - »mit Zittern in der Stimme«, lautet die Regieanweisung. In Armin Holz' Berliner Inszenierung wird die Antwort auf andere, aber ebenso verräterische Weise gegeben, nämlich tonlos.

Armin Holz, 1998 von Kurt Hübner mit dem Förderpreis der Deutschen Akademie für Darstellende Kunst ausgezeichnet, ist ein Regisseur, der seinen literarischen Vorlieben gern abseits ausgetretener Pfade nachgeht: Oscar Wilde in einem Münchner Gewächshaus, Alfred de Musset in einem Schlosshof bei Wuppertal. Für Jane Bowles' »Im Gartenhaus« hätte sich vielleicht abermals ein Gewächshaus empfohlen, es ist gleichwohl auch in einer weniger anheimelnden Umgebung gut untergekommen: im Probenraum der Schaubühne in der Kreuzberger Cuvrystraße. 100 000 Mark, bei Sponsoren eingesammelt, und die Bereitschaft eines zwölfköpfigen Ensembles, auf eine Gage zu verzichten, machen es Holz möglich, seiner Begeisterung für ein Stück zu frönen, das nach der Uraufführung 1951 in New York zwar die Hochschätzung von Kollegen der Autorin wie Truman Capote und Tennessee Williams fand, auf den Bühnen aber nicht recht heimisch wurde; auch die deutsche Erstaufführung 1987 am Münchner Residenztheater hat daran nichts ändern können.

Der Grund dafür mag sein, dass »In the Summer House« kein well made play im Dienst einer eindeutigen Handlung sein, sondern allmählich, sprunghaft auch, einer bestimmten Personenkonstellation nachspüren will: Dem Verhältnis von Mutter und Tochter, und dies in zwei Fällen. Da ist Gertrude, die stolze Witwe in den besten Jahren, und ihre träge Tochter Molly, und da ist Mrs. Constable, deren Tochter Vivian, dieser vitale Teenager, in Gertrudes Haus zur Aufbesserung des schrumpfenden Vermögens als Pensionsgast Aufnahme findet. Die Beziehung des ersten Mutter-Tochter-Paares ist enger als die des zweiten, und dennoch: Die unbändige Lebenslust, die Vivian ausstrahlt, weckt die Bewunderung der frustrierten Gertrude und damit die Eifersucht Mollys. Ein Wechselbad der Launen, das hier komödiantisch höchst feinsinnig umgesetzt wird. Tatja Seibt ist als Gertrude ein Monument der Selbstgerechtigkeit, das mehr und mehr ins Schwanken gerät; Velerie Kochs Molly zeigt, wie unter der Oberfläche der Lethargie die Unruhe brodelt, die Lebensangst. Angela Schmid geht als alkoholgefährdete Mrs. Constable, fahl lächelnd, wie ein Gespenst einher; Nadja M. Schulz' Vivian trollt als Springteufelchen herum. Die beiden Männer geben in dieser Frauengesellschaft notgedrungen eher schwache Figuren ab: Cornelius Schwalm als Mollys Freund, ein Barkeeper, der zwischen extremen Berufszielen, Priester und Politiker, unentschlossen pendelt, und Oliver Nitsche, der als begüterter mexikanischer Kaufmann um die Hand der attraktiven Gertrude anhält, sie dann aber wieder verliert. Schon deshalb, weil Gertrude, die Yankee-Lady, die nervende Sippschaft des neuen Gatten nicht erträgt: Swetlana Schönfeld und die Grazien in ihrem Gefolge gefallen sich tanzend und singend in einer Fiesta Mexicana der karikaturistischen Art, und der Trompeter Till Brönner hat dazu die Musik besorgt. Sehr hübsch übrigens die Kostüme, die Claudia Skoda den Damen verpasst hat.

Nach neunzig Minuten findet die Aufführung auf der nackten Bühne, die Armin Holz lediglich in bunte Lichter taucht, ihr Ende (und jubelnden Beifall). Die Zäsuren zwischen den mehr als ein Jahr überspannenden fünf Szenen überspielt sie mühelos - und ein bisschen leichtsinnig. Man hätte gern mehr Zeit mitgebracht, um den Müttern und Töchtern zuzusehen, wie virtuos sie ihre Nerven bloßlegen.