FAMILIENFESTE – EIN PROJEKT VON ARMIN HOLZ
Premiere am 10. Oktober 2015 am Landestheater Linz




Simon Strauss
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Oktober 2015

Kalte Erinnerungsschauer

Ibsen trifft Virginia Woolf zu Operettenklängen in Linz. Regie führt Armin Holz

Manchmal, wenn die Tage eh schon düster sind und die Sinne besonders anfällig scheinen für Trübsinn und Melancholie, dann reicht mitunter eine vertraute Geste, eine Redewendung von früher, und sofort tritt einem die Erinnerung mit voller Wucht gegen das Schienbein. Sie lässt einen stolpern und stößt einen zurück in die Vergangenheit, als ein anderes Leben noch möglich war. Man kann sie nicht berechnen, diese Erinnerung. Sie kommt und geht, wann sie will. Und immer hinterlässt sie Scherben. Auf »Familienfesten« ist sie ein besonders häufiger Gast. Im Hause Alving zum Beispiel, in dem der zehnte Todestag des verstorbenen Vaters gefeiert werden soll, kommt sie in Gestalt einer riesigen Zigarettenspitze durch die Tür.

Oswald, der verstört heimgekehrte Sohn, hält sie zitternd im Mundwinkel und erinnert damit den Pfarrer Manders unwillkürlich an die wilde Lebensfreude des Vaters Alving. Was dieser Freund des Hauses da als läppische Jugendsünden belächelt, entpuppt sich im Offenbarungsschwall der Witwe als grausame, erniedrigende Schandtaten eines Tyrannen, der soff und hurte und ihr die Ehe zu einem »verdeckten Abgrund« werden ließ. So aufrichtig Frau Alving jetzt ihr Geständnis ablegt – es bringt ihr keine Erleichterung. Denn die »Gespenster«, die bösen Geister der Vergangenheit, die durch die Wahrheit ans Tageslicht gekommen sind, leben nun von Neuern auf, nisten sich im Haus ein, kriechen seinen Bewohnern ins Blut. Bald wird der Sohn zum Abbild des Vaters, hurt wie er im »Blumenzimmer« mit dem Hausmädchen und brüllt nach Champagner. Die Mutter, getrieben von einer sündigen Lust auf den Pastor, bäumt sich verzweifelt gegen ihr Schicksal auf und sackt am Ende doch hilflos in sich zusammen. Verliert den Kampf. Ihr Sohn, sabbernd und sich nackt am Boden wälzend, brüllt der Mutter seine Verzweiflung ins Gesicht: »Was für ein Leben hast du mir gegeben? Ich will es nicht länger. Du sollst es zurücknehmen.« Und sie nimmt es zurück, zieht den schwitzend-keuchenden Körper in ihren Schoß, so als ob sie alle Sünde, alle Gespenster, damit wieder verbergen könnte von dieser Welt.

Ibsens »Gespenster«, geschrieben 1881, ist der erste von drei Teilen eines Theaterabends, den der Regisseur Armin Holz unter der Überschrift »Familienfeste« jetzt in Linz präsentierte. An einem Wochenende, an dem alle Theaterprofis in München waren, zum Spielzeitauftakt der Kammerspiele unter ihrem neuen Intendanten Matthias Lilienthal. Dort bestimmt, wie zu lesen war, der Diskurs die Darstellung, das gesellschaftspolitische Engagement stellt die ästhetische Behauptungskraft des Spiels in den Schatten, Theaterstücke werden zu Textflächen ausgewalzt. Distanz, Ironie und veganer Schweinebraten – das sind die Bannersprüche auf den Fahnen, mit denen Lilienthai in den Kampf gegen das traditionelle Stadttheater-Establishment zieht.

Im grellen Gegenlicht wird Linz zur Alternative. Zur Gegenposition. Oder vorsichtiger: zu einer Ahnung davon, was Theater auch sein könnte. Erzählend. Sinnlich. Konservativ im Sinne von nicht zerstörend. Holz propagiert ein Theater der Innerlichkeit, des »zärtlichen Gefühls«. Keines der programmatischen Gesten und wirkästhetischen Selbstbespiegelungen. Er problematisiert nicht, er vertraut auf eine fast schon rückwärtsgewandt-träumerisch anmutende Weise auf Text, genaues Spiel und ein empfindsames Publikum. Das »Dagegen« ist immer heikel. Schnell wird es zur gefälligen Selbststilisierung. Wer gegen den Strom schwimmt, braucht eine besondere Kraft. Einfach nur »ich bin anders« zu rufen genügt nicht.

Holz weiß das. Er bereitet sich lange auf seine Inszenierungen vor, wählt oft widerständige Stoffe und arbeitet mit berühmten Schauspielern zusammen. So auch diesmal. In Linz unternimmt er den gewagten Versuch, dem Lebensleidensthema »Erinnerung« in ganz verschiedenen Konstellationen und Genres nachzuspüren. In viereinhalb Stunden führt ihr Weg vom psychologisch-geisterhaften Auftritt in einem norwegischen Familiendrama in eine unterkühlte Londoner Abendgesellschaft, in die Abgründe einer dahinströmenden Bewusstseinsnovelle, sie taucht wieder auf in einem amerikanischen Diplomatenhaushalt und schließlich in der Operetten-Umarmung eines wiedervereinten Liebespaares. In all diesen Fällen wird ein Alltagsleben von der unerwarteten Rückkehr des längst vergangen Geglaubten erschüttert, wird das Denken und Fühlen von einer Erinnerungslawine überrollt. Der schwere Findling, der am rechten Bühnenrand eingeschlagen ist und dort den ganzen Abend über liegen bleibt, zeugt von ihrer Schwerkraft. Zu tief ist die Erinnerung ins Unterbewusste eingedrungen, als dass sie zwischen zwei Lichtwechseln wegzuschaffen wäre.

An Ibsens Gruselkammerspiel reiht Holz unvermittelt einen Ausschnitt aus Virginia Woolfs 1925 veröffentlichtem Roman »Mrs Dalloway«. Anne Bennent (der weibliche Star aus der berühmten Schauspielerfamilie), der eben noch als Frau Alving der Ekel vor sich und der Welt wie ein Schwergewicht an den Mundwinkeln hing, ist jetzt die spitzmündige Clarissa Dalloway. Ein strahlender Junimorgen zieht auf, eine Abendgesellschaft ist in Planung. Clarissa will auf der Bond Street Blumen kaufen, aber plötzlich schießt ihr eine Bemerkung über Kohlköpfe in den Sinn: »Menschen sind mir lieber als Blumenkohl«, hatte damals Peter Walsh, ihr Geliebter, beim Frühstück gesagt.

Trotz seiner schwungvollen Haltung hatte sie einen zukünftigen Premierminister geheiratet. Hatte sich gegen die Leidenschaft entschieden. Und war mit dem anderen runter zum See gegangen. Zurückgeblieben war sein Lieblingsausdruck: »empfindsam«. Und die Kohlköpfe. Diese Worte brachten ihn manches Mal, eingehüllt in eine wohlige Rührung, zu ihr zurück. Aber als sie ihn (Klaus Schreiber, eben noch keuscher Pfarrer, jetzt Indienreisender mit Bügelfalte) jetzt wiedersieht, beim Fest, ihn »mein Lieber« nennt und er ihr von seiner Affäre mit einer jüngeren Frau berichtet, packt sie wieder die alte Sehnsucht. Und er, der sich einredet, sie sei alt geworden und ihre Schüchternheit konventionell, bleibt noch einen Augenblick auf dem Sofa sitzen. Denkt an gemeinsame Busfahrten und Blumenkohlfelder im Mondlicht. Weiß, dass sie nicht geistreich ist, aber fühlt, dass sie immer da sein, immer die »unermesslichste Wirkung auf sein Leben« ausüben wird.

Im zweiten Teil hat der Abend die Gangart gewechselt. Ist scheinbar in die ruhigeren Bahnen des Bewusstseinsstroms eingeschwenkt, der immer weiterfließt, allen Erschütterungen zum Trotz. Der Konversationsstil, das »sie sagte« und »er antwortete« macht den Erinnerungsschmerz erträglicher, flattriger, nicht mehr so dumpf-dröhnend wie im Ibsenschen Enthüllungsreigen. Und doch bleibt trotz all der lächelnden Butler, glitzernden Lachscanapes und rotbraunen Chows, von denen die Rede ist, genug schmerzende Verzweiflung. Darüber, damals die Chance verpasst, eine falsche Entscheidung getroffen, das falsche Leben gewählt zu haben.

Schnell weg also, raus aus dem Strom, hoch ans Ufer, wo fröhlich gesungen und getanzt wird. Zum Abschluss des dreifaltigen Abends, nach Drama und Roman, präsentiert Holz dem Publikum noch eine schmissige Operette. »Viktoria und ihr Husar« (1930 in Budapest uraufgeführt) dient als dionysischer Ausklang des Ganzen. Sie soll das Herz wieder frei machen, die Angst vor den »Gespenstern« vertreiben. Der verschmähte Indienreisende hat seine Nehru-Jacke gegen eine ungarische Offiziersuniform eingetauscht und lässt die Hacken knallen. Der Zufall führt ihn aus der Kriegsgefangenschaft direkt ins Haus seiner ehemaligen Verlobten Viktoria (Anne Bennent, diesmal mit Pelzmütze,) die ihm vor dem Krieg ewige Treue geschworen hatte, inzwischen aber mit einem amerikanischen Diplomaten liiert ist.

Es folgt eine wilde Verwechslungskomödie, garniert mit allerlei kleinen Stepp- und Charlestoneinlagen, nackte Brüste wippen, falsche Schnurrbärte fallen, und alle Traurigkeit wird munter in quietschende Schlagerarien verpackt. Etwas belanglos inszenierter Seifenopernkitsch, bis auf das berühmt-berührende Abschiedsduett der beiden Liebenden, in dem sie einander ihren Erinnerungsschmerz prophezeien: »Einmal, da schlägt für uns die Stunde, in der wir unser Sehnen einsam tragen / Einmal, da wirst du an mich denken, jedoch dein Mund wird schweigen und nicht mehr fragen. / Einmal, da wirst den Blick du senken, wenn die verliebten Geigen leise klagen.« Da ist er mal, ganz kurz, der heftige, unvermittelte Tritt gegens Schienbein. Dass die beiden Liebenden am Ende doch noch zusammenkommen, weil der großmütige Ami von der Heiratskante zurücktritt; dass sie sich im sogenannten »Reminiszenz-Abschluss« auf einer ungarischen Hochzeit knutschend in den Armen liegen, endlich alle Gespenster vertrieben und Bewusstseinsströme umgeleitet sind, ist zwar einigermaßen beruhigend, aber dann doch kein würdiges Finale für diesen Abend.

Dessen Stärke liegt ja gerade nicht in der komödiantischen Auflösung, der ironischen Hintertür. Er nimmt seine literarischen Vorlagen im Gegenteil auf konventionelle, mitunter fast biedere Weise ernst und lässt sie – in seinen besten Momenten – allein durch das präzise Spiel der Darsteller gefährlich werden. Über Armin Holz ist manches Abfällige gesagt worden. In Theaterkreisen gilt er vielen als Blender, als einer, der sich um den Rang des Außenseiters ein bisschen zu sehr bemüht und dessen »Fama« – so die bitterbösen Worte der Schauspielerin Elisabeth Trissenaar nach einer gemeinsamen Shakespeare-Arbeit – »größer ist als seine tatsächliche Arbeitsleistung«.

Wer »Familienfeste« sieht, wird dem nicht zustimmen. Vielleicht will die Inszenierung etwas zu viel, ist in Teilen zu voraussetzungsreich und unzusammenhängend. Aber die Kälte des Erinnerungsschauers, der immer gerade dann über einen kommt, wenn man am wenigsten damit rechnet, den lässt sie doch sehr genau spüren. Und fürchten. Auch wenn das Genre-Crossover nicht ganz aufgeht, wenn der Anfang für einen so langen Abend zu stark und das Ende zu schwach ist – die Inszenierung wagt etwas. Und das gibt es in diesen Tagen auf dem Theater nicht oft zu sehen