Aus dem Spanischen von Thomas Brovot
Premiere am 17 Juni 2006 im Schauspielhaus Bochum

Peter Kümmel
Die Zeit, 22. Juni 2006

Der Tod und das Lächeln

Nur der ferne Geliebte ist ein guter Geliebter: Ilse Ritter spielt und Armin Holz inszeniert Federico Garcia Lorcas »Doña Rosita« am Schauspielhaus Bochum

Warum ist Ilse Ritters Stimme so hell? Vielleicht liegt es daran, dass diese Schauspielerin lächelt, wenn sie spricht. Das Lächeln hebt den Klang ihrer Stimme, und es beleuchtet die ganze Szene. Warum lächelt sie? Weil sie weiß, was kommt; weil sie sich erinnert. Ilse Ritter wirkt wie jemand, der ahnt, dass alles, was gerade passiert, in Wahrheit längst geschehen und vorbei ist. Jede Begegnung ist ein Wiedersehen, jedes Wort ein Echo, jede Geste ein Zurückwinken.

Ilse Ritter ist nun über sechzig Jahre alt. Doch unter den deutschen Schauspielerinnen ist sie noch immer das alterslose, zukunftsfrohe Kind. Was auch geschieht, sie sorgt für Aufhellung. In ihrer Nähe ist die Schwere ohne Macht und die Tiefe eine Verlockung.

Versüßende Wirkung hatte ihr Spiel immer: Was sie erleidet, ist auch schon verschmerzt; die frische Wunde bildet Honigkrusten. So wappnet diese schutzlose, zerbrechliche Frau sich gegen das Unheil, für das ihre Figuren doch gemacht sind. Ilse Ritter, wissend, aufreizend, vage verhüllt, erkennt im Augenblick immer die alte Melodie, das (Todes-) Motiv. Während sie lächelt, summt sie in Gedanken das Motiv bis zum Ende. Und freut sich schon, frech und verführerisch, auf den nächsten Hinterhalt, in den man sie locken wird. Sie spielt das vom Tode umfangene, liebreizende Mädchen – aber sie tanzt neugierig mit dem Tod, noch wenn der Vorhang fällt.

In Bochum spielt Ilse Ritter nun die Titelrolle in »Doña Rosita« oder »Die Sprache der Blumen«, das Federico Garcia Lorca im Jahr 1935 schrieb (ein Jahr später wurde er in der Nähe von Granada von Francos Falangisten ermordet). Zuvor hatte Lorca die »Bluthochzeit« geschrieben, danach noch »Bernards Albas Haus« – zwei Stücke, in denen gestorben und gemordet wird aus unerwiderter Liebe. »Doña Rosita« nun handelt davon, wie eine Frau in unerwiderter Liebe altert und unberührt vergeht.

Als junges, schönes Mädchen sucht Rosita sich einen Mann, ihren Vetter, den sie ihr Leben lang lieben wird. Dann lässt sie den Mann übers Meer nach Lateinamerika ziehen (Akt 1, er spielt um 1885) und verschließt ihr Herz. Rosita und ihr Vetter schreiben einander Briefe, schwören sich Treue, vermählen sich symbolisch über Tausende von Meilen hinweg (Akt 2, im Jahr 1900), und immer wartet Rosita froh darauf (und schließt es insgeheim aus), dass ihr Verlobter heimkehren wird. Die Zeit steht still, Rosita, ein Kind ohne Eltern, verbringt ein Leben in Vorbereitung auf die Hochzeitsnacht; die Tante stickt Ornamente aufs Nachthemd, der Onkel versorgt seine Rosen. Im dritten Akt, nach 26 Jahren (1911), stellt sich heraus, dass der Verlobte schon vor vielen Jahren in Mexiko eine andere Frau geheiratet hat.

Lorcas Stück gilt als Parabel auf eine stillstehende, in aller Pracht versinkende Gesellschaft – das Spanien vor Franco. »Doña Rosita« ist aber auch eine herzzerreißende Tragikomödie über die Hoffnung, die nicht vergehen will, bis wir an ihr sterben. Ein Stück über die Liebe, die stärker wird, je aussichtsloser sie ist. Bei »Doña Rosita« ist Liebe eine so intime Angelegenheit, dass kein Zweiter sich einmischen soll – auch der Geliebte möge sich gefälligst raushalten. Eigentlich weiß Rosita längst, dass sie allein bleiben wird: »Wenn niemand außer mir es gewusst hätte, dann hätten seine Briefe und seine Lügen meine Hoffnung noch genährt wie im ersten Jahr seines Abschieds.« Erst als die anderen, Onkel, Tante, Haushälterin, erfahren, dass Rositas Liebe eine bloße Konstruktion ist, ein Gedanken- und Ideengebäude, kann sie den Bau selbst nicht mehr halten. Sie hätte darin weiterleben und behaglich altern mögen, wenn nur die Außenwelt ihn mitgestützt hätte.

In der Bochumer Inszenierung von Armin Holz, der seit Jahren an seinem Ruf als singulärer, unbeirrbarer, schwere Texte erweckender Regieaußenseiter arbeitet, ist Lorcas Welt der Blumen und Gärten, der Stickereien und Ornamente restlos in die Figuren gefahren.

Der Onkel (Hans Diehl) hat ein Blumen-Ranken-Muster auf dem Anzug – als habe sich eine wuchernde Hecke durch den Mann gebohrt, die ihn nun trägt. Armin Holz zeigt keine Blumen, nichts vom Garten: Die Menschen selbst sind hier die Blumen, und sie wirken, als hätte Spitzweg sie gemalt. Ein pflanzenhaftes Beharren hält sie aufrecht. Das duftende Rankenwerk der Vergangenheit hat sie aufgespießt und treibt aus ihnen die Knospen und Gesten einer vergehenden Pracht. Es ist die reine Zeit, die an ihnen blüht und sie verzehrt.

Kein Garten ist zu sehen. Die Menschen selbst sind hier die Blumen

Die Bühne (Claudia Billourou und Armin Holz) ist nur ein leerer schwarzer Platz mit einem Durchgang, der zu einer Brandmauer führt. Von hier aus geht nichts weiter. Die hier wohnen, sind aus dem Paradies vertrieben, sie sind dem Vergehen ausgeliefert.

Bei Armin Holz ist der Tod das Gerüst, an dem alle Ornamente sich hochranken. Auf diesem Gerüst sitzt Rosita und blickt herab auf die Possen des Lebens. Das Leben, wie es die Normalen, die Nicht-Rositas, führen, wirkt in dieser hoch stilisierten Bochumer Inszenierung geradezu gespenstisch: Im zweiten Akt haben die heiratsfähigen Mädchen aus Rositas Bekanntschaft ihren Auftritt. Der Regisseur schiebt sie auf ihren Stühlen auf die Bühne – Hennen, die sich gackernd an ihrer Stange festkrallen. Ihnen droht der übliche Weg der Jungfrauenverarbeitung: Sie werden unverzüglich ins Mutter-Gattinnen-Witwen-Dasein weitergeschoben und am Ende, ohne dass sie sich einmal erhoben hätten, von der Stange fallen. Nur Rosita hält sich abseits, lächelt ihr wissendes, die Zeit aufhebendes, vom Ende her leuchtendes Bernsteinlächeln.

Es gebe für die Literatur nur zwei Themen, hat Marcel Reich-Ranicki, der stellvertretende Leser der Deutschen, immer wieder gesagt: die Liebe und den Tod. In der Tat: Liebe, die erwidert wird und andauert, ist für die Literatur kein Thema; sie gehört dem Kitsch. So was wünscht man sich für das eigene Leben, aber nicht von der Literatur. Literatur hat sich zu interessieren für die Liebe, die vom Tod umfangen ist.

Armin Holzens Inszenierung verschenkt sich nicht an den Kitsch, aber sie lächelt ihm, mit Ilse Ritters Lippen, sehr freundlich zu. Seine Aufführung erzählt eben doch vom Gelingen einer Liebe: der Affäre zwischen Rosita und dem Tod.

Als sie erkennt, dass die Liebe zu ihrem Vetter sich nie erfüllen (erschöpfen) wird, bebt ein Schluchzen unter ihrem Lächeln, und sie schmiegt sich ins Leere, an die Luft, worin der Geliebte sich aufgelöst hat, an den sie sich übrigens kaum noch erinnert. Aus der folgenlosen Liebe zu dem einen wird eine Liebe zu allem und allen.

Und nun das Ende. Rosita muss mit ihrer Tante und der Haushälterin (Onkelchen ist schon in der Ewigkeit zwischen Akt 2 und 3 gestorben) das Haus verlassen, in dem sie ihr ganzes Leben wartend und hoffend zugebracht hat – es ist zu groß und zu teuer, die Familie ist längst verarmt. Rosita wird den Auszug nicht überleben. Zum Abschied kommt ein achtzehnjähriger junger Mann vorbei – es ist der Sohn einer jener gackernden Legehennen aus dem vorigen Akt.

Wie kann man sich nur so fürchten! Wie kann man nur so sehr hoffen!

Ihn spielt Michael Lippold, derselbe Schauspieler, der auch Rositas Vetter, ihre große Liebe, dargestellt hat. Ab einem gewissen Alter, so wird behauptet, hört der Mensch auf, neue Gesichter wahrzunehmen. Auf diese Beobachtung zielt wohl Armin Holzens Besetzungsfinte. Der reife, scheidende, schwindende Mensch sieht nichts mehr zum ersten Mal; so sieht er in allen Gesichtern nur noch die Gesichter seiner Verstorbenen; er erkennt in allem Fleisch die Reinkarnation. Er sieht Gesichter nur noch wieder, Kopien gewissermaßen, die ihn an die schöneren, wahrhaftigen Originale erinnern.

Aber erkennt »Doña Rosita« in dem Jungen, der sie nun aus ihrem Haus und ihrem Leben verabschiedet, den Geliebten, der ihr dieses Leben genommen hat?

Es ist von Ilse Ritters Lächeln nicht abzulesen. Vielleicht bemerkt ihre Rosita die Reinkarnation, vielleicht ist sie für solche tückischen Spiele des Schicksals aber auch schon blind. Oder sie fällt auf Neckereien nicht mehr herein.

Es ist immer die gleiche Nelke, die man schneidet, die gleiche Wolke, die man sieht, hat sie früher am Abend gesagt. Rosita hat die Wiederholungen, die Verhüllungen satt. Sie erkennt nun ihren wahren Bräutigam, den Tod. Er war immer da.

Als junge Schauspielerin war Ilse Ritter eine, die in Richtung Tod blickte und lachend sagte: Wie kann man sich nur so fürchten! Als reife Schauspielerin ist sie nun eine, die in die Vergangenheit blickt und lachend sagt: Wie konnte man nur so sehr hoffen!

Am Rand der großen Kunst siedelt der Kitsch. Man sollte den Rand ab und zu besuchen, denn von dort kommen wir alle, und am Ende werden wir wohl dorthin zurückkehren. Aber man sollte sich von Menschen hinführen lassen, die so lächeln wie Ilse Ritter.