Romantische Oper in drei Aufzügen
Libretto von Friedrich Kind 
Texte Samiel von Gerhard Ahrens und Armin Holz 
Rezitative von Hector Berlioz
Premiere am 25. Oktober 2013 am Nationaltheater Mannheim

Christian Wildhagen
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28. Oktober 2013

Zurück zu Adam und Eva

Webers »Freischütz«, das Operndebüt von Armin Holz, fällt beim Mannheimer Publikum durch. Aber warum eigentlich?

Befremden ist ein zu schwaches Wort. Entgeistert, ja, schockiert stand das Regieteam auf der Bühne des Mannheimer Nationaltheaters und verstand die Welt nicht mehr. Da hatten der Regisseur Armin Holz und der Maler Matthias Weischer buchstäblich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Carl Maria von Webers Oper »Der Freischütz«, mehr noch aber der darin verbreiteten Sicht auf Gut und Böse gerecht zu werden – und sahen sich am Ende selbst verteufelt, zu Bösewichten abgestempelt, mit einer Vehemenz, wie man sie nur selten erlebt in einem Opernhaus.

Was war geschehen? Nichts, was hinreichend erklären würde, warum die Ablehnung so einhellig ausfiel. Der Bildersturz, den manche von der ersten Opernregie des Theatermachers Holz erwartet hatten, blieb aus. Auch die Werkstruktur selbst bleibt weitgehend unangetastet, von zwei Übernahmen aus der Rezitativ-Fassung von Hector Berlioz und Änderungen in den gesprochenen Dialogen abgesehen. Um solche Textanpassungen kommt freilich keine Aufführung herum, will sie den »Freischütz« nicht als Paradebeispiel einer Schauerromantik präsentieren, über die sich schon Weber selbst in der Ballade von »Nero, dem Kettenhund« lustig macht. Dass diese Oper, anders als etwa Marschners »Vampyr« oder Meyerbeers »Robert der Teufel«, bis heute fest zum Repertoire gehört, muss noch andere Gründe haben als allein die ungebrochene Bannkraft, die Webers wilde Musik zur Wolfsschluchtszene oder die auf Wagner vorausweisenden Arien der Agathe ausüben.

Für Holz liegt dieser Grund offenkundig in der philosophischen Weltsicht, die hinter all dem grauslichen Hin und Her um Freikugeln und fehlgeleitete Probeschüsse steht. Holz leitet aus der Stoffgeschichte einen gedanklichen Überbau her, der überraschend dem »Prolog im Himmel« aus »Faust I« nachgebildet scheint. Um die Parallelen zu verdeutlichen, setzt Holz die von Weber nicht vertonte Vorrede des Eremiten wieder ein und wertet die Sprechrolle des »Schwarzen Jägers« zum teuflischen Strippenzieher auf – beides übrigens ebenfalls keine grundstürzend neuen Ideen in der Inszenierungsgeschichte. Klar wird: Die Mächte von Gut und Böse, vertreten durch Gottes Klausner in der Einöde (John In Eichen) und Samiel, einen vor Weltekel zynisch gewordenen Mephisto mit Zirkusdirektorenzylinder (mit großartiger Präsenz dargestellt von Klaus Schreiber), verhandeln hier wieder einmal das Schicksal eines Menschen.

Max, der Jägerbursche, den István Kovácsházi mit verhalten heldischen Tönen singt und sensibel spielt, ist freilich alles andere als ein Faust. Eher ein Schwärmer, ein Träumer – wie sein Nachfahre Erik im »Fliegenden Holländer«; ein verhinderter Künstler vielleicht, der mit seiner Brille (!) ausschaut wie ein in die Jahre gekommener Schubert-Franz. Jäger ist Max hingegen nur, weil alle es von ihm erwarten und weil sein Glück mit Agathe daran hängt. Holz erkennt in der seltsam steifen Liebe zwischen den beiden, die nie eine reale Chance hat, den Verlust einer zweifachen Unschuld. Max verliert die seine, als er sich dem Bösen verschreibt und mit dem liederlichen Caspar (Thomas Jesatko) den Deal um Freikugeln eingeht. Eher dezent deuten Holz und Weischer die sexuelle Symbolik an, die in den Versagensängsten von Max und in all dem Kult um ein todsicher treffendes Projektil mitklingt.

Das Gegenbild verkörpert Agathe, die klar im Ton, aber etwas eindimensional gestaltende Ludmila Slepneva; ihre Rolle wird schon im Libretto von Friedrich Kind mit Jungfernkranz- und Rosensymbolik überhäuft. Dies unfallfrei auf die Bühne zu bringen ist eine Herausforderung. Holz behilft sich, indem er Ännchen, die Freundin, wie zuvor Caspar, zur Spiegelfigur macht, die den exakt konträren Lebensentwurf propagiert: »Kommt ein schlanker Bursch gegangen, / Blond von Locken oder braun ... / Ei, nach dem kann man wohl schaun!« Und Tarnara Banješević lässt mit ihren sinnlich-frivolen Soubrettentönen keinen Zweifel, dass dieses Ännchen nicht bloß »schaut«.

Agathe dagegen verklärt ihr Liebesverlangen zu etwas Reinem, Heiligem: Zu ihrer zweiten Arie »Und ob die Wolke sie verhülle« schreitet ein nacktes Paar den himmlisch blau erleuchteten Rundhorizont aus, ernst, ja sorgenvoll blickend, als wüssten sie genau, dass der eine Fehltritt, der unweigerlich zur Vertreibung aus dem Paradies führt, nie mehr ungeschehen zu machen ist. Am Ende, nachdem der Eremit als Deus ex Machina erschienen ist und Max und Agathe vor Schlimmerem bewahrt hat, werden uns Adam und Eva noch einmal begegnen: als idealisierte Zeichnung auf genau jenem Bild, das zuvor ständig von der Wand gefallen ist. Ännchen, die kecke Schlange, kann darüber auch dieses Mal bloß herzhaft lachen.

Vielleicht ist das alles zu viel an Symbolik. Zumal Armin Holz die eigentliche »Freischütz«-Handlung wie nebenbei erzählt, unspektakulär, manchmal fast ein bisschen bieder, aber unter Verzicht auf Böhmische Wälder und jedwede Wolfsschluchtengeisterbahn. Das allein rechtfertigte das Protestgeheul am Schluss jedoch kaum; so wenig, wie das etwas grobschlächtige Spiel des Mannheimer Orchesters unter Leitung von Alois Seidlmeier umgekehrt den demonstrativen Jubel für die Musiker verständlich machte. Am Mannheimer Opernhaus haben mit Achim Freyers grandiosem »Ring« und Produktionen wie Tilman Knabes frech gegen den Strich gelesener »Fanciulla del West« längst deutlich radikalere Sichtweisen Einzug gehalten.

Das Nationaltheater hätte es mit diesem künstlerischen Kurs um ein Haar zum »Opernhaus des Jahres« gebracht. Da wirkt ein derart reaktionäres Publikumsecho nicht bloß befremdlich. Es verweigert die Auseinandersetzung mit Oper als lebendiger Kunstform.