Deutsch von Peter Weiss
Textfassung von Gerhard Ahrens und Armin Holz
Premiere am 14. August 2010 im Park vor dem Schloss Neuhardenberg

Peter Kümmel
Die Zeit, 19. August 2010

Traumschwer

Strindbergs »Fräulein Julie« unter freiem Himmel in Neuhardenberg

ln der großen Zeit des Radios und des Hörspiels gab es ein Requisit, ohne das kein Hörspielstudio auskam: das Kiesbett. Das Kiesbett war ein Parcours, mit knirschenden Steinchen gefüllt, über den die Sprecher schritten, wenn sie eine Szene sprachen, die in besserer Gesellschaft spielte, auf einer Schlossauffahrt etwa. Mit dem Knirschen ließen sich Welten behaupten: Reichtum, brüchige Verhältnisse, Gefahr. Man sah alles vor sich: den hochmütigen Schlossherrn, den mordlüsternen Butler, die gestiefelten Stallknechte.

Wie aus einem alten Hörspiel klingen nun in Armin Holz' Freiluftinszenierung von Strindbergs Kammerspiel »Fräulein Julie« (1888) die Stimmen der tollen Schauspieler Sylvester Groth, Libgart Schwarz und Sibylle Canonica zu uns herauf. Körnige, von Lautsprechern verstärkte Stimmen erzählen in Neuhardenberg die Geschichte der Gutsherrentochter Julie, welche sich in der übrigen Mittsommernacht mit dem Diener Jean einlässt - und zugrunde geht. Dieses Spiel entsteht nicht aus Räumen, es entsteht ganz aus Stimmen. Aus der Stimme der Libgart Schwarz, welche der Köchin Kristin etwas im Selbsthass zufrieden Darbendes gibt: Diese betrogene Frau ist dabei, die Lust aufzugeben und sich mit den Genüssen der Dürre zu begnügen, dem Zusehen, Belauschen, empörten Hörensagen; aus der Stimme des Schauspielers Sylvester Groth (Jean), einem Lustknurren, über das Samt gelegt worden ist; aus der Stimme Sibylle Canonicas, die als Julie das Befehlen gewohnt ist und in der Mittsommernacht das Verführen wagt.

Jean, der Knecht, und Julie, die Herrin, versuchen eine helle Nacht lang, die Befehle zu vergessen, die ansonsten alles zwischen ihnen regeln. Sie verraten einander ihre Träume, aber selbst dabei verfehlen sie sich; denn sie, die oben ist, träumt vom Fallen, und er, der unten ist, träumt vom Aufsteigen. »Ich habe nicht einen Gedanken, den ich nicht von meinem Vater habe«, sagt Julie. Diese Familienfesseln will sie nun abschütteln. Sibylle Canonica spielt das energisch und tollkühn: Ihre Julie wirft sich immerzu nach vorn - in die nächste Not, die nächste Lust. Den Diener Jean lockt sie, indem sie ihn mit spitzen Fingern ohrfeigt - und sie wirkt wie eine Brandstifterin, die einen Spritzer Öl zum Vorspiel in ein Anfangsfeuer sprüht. Julie besteht ganz aus Wollust und Überdruss: Was nun noch kommt, soll großartig sein, und es soll schnell enden!

Jean aber, der Knecht, erkennt in seiner willfährigen Herrin »eines der Tiere, die hoch oben kreisen und von denen man nie den Rücken zu sehen bekommt«. Kann man beiläufiger sagen, wie Lust und Macht, Liebe und Jagdlust zusammenhängen? Jean bekommt den Rücken des hohen Tieres schließlich zu sehen, aber der Anblick bestärkt ihn in dem Gefühl, mit seiner Sehnsucht nach der Herrin nur Zeit verloren zu haben. So wird aus diesem Stück um Macht und Eros ein Spiel, das von der Überwindung aller Reize handelt. »Fräulein Julie« ist hier ein schwarzes Zauberstück der gemeinsamen Selbstauflösung. Sein Zauber liegt in den Stimmen von Sylvester Groth, Libgart Schwarz und Sibylle Canonica. Jedoch, diese Inszenierung unterm stillen Brandenburger Himmel gibt uns zu den Stimmen allerlei dazu. Farb- und Lichtwechsel zeigen, wenn sich Machtverhältnisse ändern, Gesänge kommentieren lyrisch das Spiel oder unterlaufen es höhnisch. Der Regisseur, insgeheim ein Musiktheatermann, lässt den Fluss der Dinge in »Stimmungen« gerinnen. Manchmal glaubt man, Feuerschluckergesten in dieser Aufführung zu sehen, und denkt, Armin Holz könne sich kaum zurückhalten, seinen Spielern Fackeln in die Hände zu geben. Die Aufführung wirkt so traumschwer und eigensinnig verschwenderisch, als hätte man hinter einem Hörspielkiesweg noch rasch ein Schloss errichtet – um es gleich wieder abzubrennen.