Premiere am 24. Mai 2007 im Schauspielhaus Bochum

Wolfgang Höbel
Spiegel Online, 25.05.2007

Das Röcheln des jungen Kinski

Im Bochumer Schauspielhaus zeigt Armin Holz das Männerwehmuts-Drama »Der einsame Weg« von Arthur Schnitzler als hitzigen Ausdruckskampf. Nikolai Kinski beweist bei seinem ersten Auftritt auf einer deutschen Bühne, wie beherzt er zu schluchzen, zu röcheln und mit den Augen zu rollen versteht.

Ein billiger, funkelnder, schöner Zauber soll das Theater sein in der Bochumer Version des Schnitzlerschen Dramas »Der einsame Weg«. Deshalb geht dieser Abend, der einer der seltsamsten im an Seltsamkeiten überaus reichen deutschen Gegenwartstheater werden wird, gleich los mit einem Salon-Feuerwerk.

Ein blondes Mädchen im weißen Ballettkleid tanzt über die kahle weiße Bühne, umkreist einen Konzertflügel samt melancholisch klimpernder Pianistin, berührt einen silbern schimmernden Paravent und gelangt schließlich zu einem weiß angestrichenen Beckett-Bäumchen. Kurz deutet das süße Gör ins verdorrte Geäst, schon plofft dort an drei oder vier Stellen ein kleines Feuer auf und verlischt nach kurzem Lodern.

Ist's mit unseren kleinen Gefühlserhitzungen nicht ganz ähnlich? Genau davon handelt Schnitzlers Stück: Im Mittelpunkt flanieren hier zwei kunstsinnige alte Schwerenöter namens Julian Fichtner und Stephan von Sala übers Parkett, die es wild getrieben haben mit den Frauen und weit herumgekommen sind in der Welt. Jetzt, wo ihre Schläfen grau geworden sind, treten sie an zum Lebenslügen-Kassensturz im heimatlichen Österreich, beide auf schmerzlich-schöne Weise mit den Sprösslingen der Kunstprofessoren-Familie Wegrat verbandelt: Der eine von beiden, Sala, hat ein Verhältnis mit Johanna, der blutjungen Tochter des Hauses; der andere, Fichtner, ist der wahre Vater des 23-jährigen Sohnes Felix, dessen Mutter er einst sitzen gelassen hat.

Surrealistische Ausdruckskämpfe

Die meisten Regisseure, die Schnitzlers Stück spielen - der Kritiker Alfred Kerr nannte es eine »Snob-Ausgabe vom späten Ibsen« - nüchtern es aus. Sie lassen all die tiefsinnigen, eitlen, gezuckerten Sätze der Sorte »Auch unsere Freunde sind doch nur Gäste in unserem Leben« oder »Wir glitten in Sünde, Leidenschaft, Verrat« wie Verwünschungen herauspressen oder verhuscht beiseite sprechen, sie verwandeln Schnitzlers fiebrige Altherrenwehmut in kalte Resignation.

Nicht so der tollkühne, dreiste, stolz eigenbrötlerische und naturgemäß auch ein bisschen verrückte Regisseur Armin Holz, der schon vor der Premiere betonte, nach den beiden letztjährigen Erfolgen »Ein idealer Gatte« und »Dona Rosita bleibt ledig« sei »Der einsame Weg« aber nun wirklich seine letzte Arbeit in Bochum. Holz also schraubt in seiner Schnitzler-Adaption die Temperatur konsequent hoch und treibt seine Schauspieler in surrealistische Ausdruckskämpfe: Zur stets aufs Neue aufflackernden Klaviermusik von Philipp Weiss gibt’s ein großes Hecheln, Röcheln, Schluchzen, jähes Niederstürzen und wildes Händeflattern.

Die beiden mit allen Edelrasierwassern gewaschenen Schauspielkünstler August Zirner als Fichtner und Markus Boysen als Sala sind die beiden müden Galane im Zentrum. In ihren weißen Sommeranzügen und Morgenmänteln begreifen sie das Leben als einziges großes Spiel. Darin kommt es nicht auf Wahrhaftigkeit und Dezenz an, sondern auf die Simulation von Leidenschaft – deshalb das wüst manierierte Augenrollen, das eifrige Körperverkrümmen und Gliedmaßen in die Höhe Stemmen, als wetteifere man hier nicht um die Herzen der Jugend, sondern um den Sieg in der großen Bochumer Armruderregatta.

Zittern und Zagen

Die jungen Helden und zugleich Opfer in diesem Spiel sind Johanna und Felix, sie sind es, um deren Gunst die beiden geschniegelten Herren buhlen. Claude de Demo spielt Johanna als Ballettmaus und traumverlorene Ophelia, die sich unter den Konzertflügel legt, als habe sie sich schon im nahen Seerosenteich versenkt. Und Extremschauspieler-Sohn Nikolai Kinski, der hier zum ersten Mal auf einer deutschen Theaterbühne zu sehen ist, gibt dem jungen Felix in fescher Offiziersuniform einen schimmernden Augenglanz und eine Verzweiflung, die das Publikum am Premierenabend schwer in Bann schlugen.

Trotzdem kippt Armin Holz' Inszenierung im Laufe von dreieinviertel Aufführungsstunden ganz allmählich in eine betriebsame Lähmung. Und die hängt damit zusammen, dass sich gerade die Sensationen maximaler Hysterie auf Dauer schlimm erschöpfen. Plötzlich etwa lässt der Regisseur den von einer tödlichen Krankheit gezeichneten Sala in einem schwarzen Bustier mit nackten Schultern an seiner jungen Geliebten herumfummeln; auch legt die zarte Johanna ziemlich überraschend ihre jugendlichen Brüste frei; die glorreiche Schauspielerin Ilse Ritter kommt in der Rolle von Fichtners alter Kunst- und Herzensfreundin Irene einigermaßen blödsinnig mit einer weißen Maske auf die Bühne. Ja, überhaupt herrscht mehr und mehr ein kaum mehr motiviertes Zittern und Zagen und Verglühen auf der Bühne, so dass man als Zuschauer fast erlöst das schaurige Ende des Stücks begrüsst.

Am Ende natürlich Jubel, Applaus und viele freundliche Worte für Holz und seine tapfere Truppe. Ein aufregender, merkwürdiger, wenngleich nicht unbedingt epochemachender Theaterabend ist ihm diesmal mehr unterlaufen als gelungen. Und doch hat Holz auch mit »Der einsame Weg« bewiesen, dass ein großer, entschlossener Sonderling wie er auch im Fall des Scheiterns Kunst produziert, die sich stolz und souverän erhebt über den deutschen Stadttheateralltag. Künftig müssen sie in Bochum wohl wieder ohne Feuer auf der Bühne auskommen.