Premiere am 24. Mai 2007 im Schauspielhaus Bochum

Stefan Keim,
Frankfurter Rundschau, 26. Mai 2007

Die Macht des Manierismus

Die Hand knickt ab wie ein schlaffes Pfötchen, dann reckt sie sich in die Luft zur dandyhaften Geste. Markus Boysen spricht oft leise als todkranker Dichter Stefan von Sala. Er genießt die Wirkung seines sonoren Fastflüsterns im Raum. Alles an ihm ist Pose. Doch steckt dahinter ein Mann, der verreckt.  Immer wieder verrutscht eine Geste, klingt ein Satz fast authentisch. Aber eben nur fast. Der Mensch Stefan von Sala bleibt ein Rätsel.

Regisseur Armin Holz hat sich das erste große Gesellschaftsdrama Arthur Schnitzlers vorgenommen, »Der einsame Weg«. Es wirkt nicht zeitgemäß, dieses wortreiche Todesspiel, dessen Figuren der verlorenen Wärme einer bürgerlichen Existenz nachtrauern. Fast überall geht es zu Ende, aber am Schluss gibt es immerhin etwas Hoffnung, einen Moment echter Zuneigung.

Auf der Bühne, die Armin Holz mit Andrea Schmidt-Futterer entworfen hat, raschelt kein Laub der Vergänglichkeit. Ganz in weiß strahlt die Spielfläche anfangs in goldener Abendsonne, die schnell einer fahlen Helligkeit weicht. Ein krüppeliges Bäumchen, ein Stein ein paar von Statisten lautlos rein und raus gerollte Bühnenelemente. Schwarz gekleidet sitzt Tatjana Zivanovic-Wegele am Konzertflügel und begleitet die Aufführung mit einer Mischung aus chopinartigen Klängen, Softjazz und Stummfilmmusik (Musik von Philipp Weiss).

Wie immer versammelt Armin Holz eine ungewöhnliche Besetzung. August Zirner turtelt als ehedem erfolgreicher Maler Julian Fichtner zunächst mit dem Dichter Sala, als seien sie ein schwules Pärchen. Fichtner hat vor 23 Jahren einen Sohn gezeugt, die Mutter sitzen gelassen und sein Bohème-Leben weiter geführt. Nun will er doch noch Vater sein, und das ist ihm ernst. Doch er hat keine Chance, der junge Felix bekennt sich zu dem Mann, der ihn aufgezogen hat, dem von Hans Diehl berührend energiegeladen gespielten Hofrat Wegrat.

Große Auftritte, tiefe Risse


Die Besetzung von Felix ist ein Coup: Nikolai Kinski, Sohn Klaus Kinskis, gibt sein Debüt auf einer größeren Bühne. Erst vor vier Jahren hat der in den USA aufgewachsene Schauspieler Deutsch gelernt und seitdem vom Künstlerdrama »Klimt« bis zum Science-Fiction-Rohrkrepierer »Äon Lux« in ganz unterschiedlichen Filmen mitgespielt. Die Verwandtschaft ist auch auf der Bühne unverkennbar: die hohe Stimme, die lyrisch wispern und sich ins Exaltierte steigern kann, die manisch flackernden Augen. Aber Nikolai Kinski legt es nicht darauf an, dem Vater zu ähneln. Er spielt mit Konzentration und Hingabe und im Gegensatz zu den Kollegen weitgehend ironiefrei, was aber zur Rolle des glühenden Jünglings passt. Man spürt eine andere Tradition als die des deutschen Stadttheaters, ein Aufgehen in der Rolle, ohne nach Brüchen zu suchen.

Claude de Demo schillert als Schwester Johanna mehr, ihre Mädchenhaftigkeit wechselt mit fast schon proletarisch-lebensgierigem Lachen. Auch eine tolle Besetzung: Ilse Ritter als abgehalfterte Theaterdiva Irene Herms, die im Glitzerkleid große Auftritte abliefert, hinter denen allerdings tiefe Verletzungen durchschimmern. Niemals verliert sie ihre Haltung, nur manchmal werden Risse in den Posen sichtbar: Die Behauptung von Schönheit und Kunst im Angesicht des eigenen Todes ist das Thema dieser Inszenierung. Armin Holz zeigt Menschen, die sich bis zum Letzten Eleganz und Stil abverlangen, Verzweiflung äußert sich höchstens in Zwischentönen. Es ist der Manierismus, der diese Welt zusammen hält, im Inneren ist sie längst vermodert. 

Die Aufführung hat Längen, verlangt Konzentration, aber Holz schafft ein radikal persönliches Theater mit Nachwirkung. Man mag seinen Stil hassen oder lieben, auf jeden Fall ist er einzigartig. Die Idee, dass der zuvor in der Theaterlandschaft herum mäandernde Holz in Bochum eine Heimat finden und regelmäßig zwei Inszenierungen pro Spielzeit abliefern könnte, ist allerdings gescheitert. Mit dem normalen Stadttheaterbetrieb lässt sich Holz' Arbeitsweise anscheinend nicht vereinbaren. So ist im Augenblick unklar, wo ihn sein nicht unbedingt einsamer, aber eigenwilliger Weg hinführt.