Alfred de Musset: Man spielt nicht mit der Liebe

Deutsch von Michael Zochow
Fassung: Armin Holz, Michael Lukas, Michael Zochow
Premiere am 20. April 1991 in einem Zelt
vor dem Schloß Lüntenbeck bei Wuppertal

Robin Detje
Die Zeit, 10. Mai 1991

Holz' Weg

Wie ein Regisseur zum Problem wird, weil er gut ist

Der Baron: Und wie beantwortet die Erzieherin diese Extravaganz meiner Nichte? Denn ein solches Benehmen muß man so nennen.
Alfred Musset: »Man spielt nicht mit der Liebe«

Armin Holz ist kein Phantom. Es gibt ihn wirklich. 1988, da war er noch Regieschüler an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule, hat er in einem Gewächshaus »Bunbury« von Oscar Wilde eingerichtet und ist von der Lokalpresse grausam verrissen worden. Im Regisseursberuf muß man ständig auf sich aufmerksam machen, wenn man bemerkt werden will. Folglich hat man von Armin Holz nach »Bunbury« drei Jahre lang nichts gehört.

Auch Michael Zochow gibt es, den berühmten unbekannten Dramatiker. Seit langem wünscht er sich Armin Holz als Uraufführungs-Regisseur, und nie wird ihm dieser Wunsch erfüllt. Statt dessen erlebt Zochow Uraufführungen, die seine Werke auf gespenstische Weise Stück für Stück vernichten. Während man von ihrem Autor eigentlich nur weiß, daß sein Onkel wahrscheinlich der Bürgermeister von Jerusalem ist.

Michael Zochow hat für Armin Holz das Stück »Man spielt nicht mit der Liebe« von Alfred de Musset neu übersetzt - und ein paar Lieder hinzugedichtet. In Holz' Inszenierung spricht Ortrud Beginnen die »Ballade an den Mond« vom Band: »Bist Himmelsaug du? / Welch Engelstrick dazu blinzt, grinst / aus deinem Graugespinst?«

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Bei Wuppertal gibt es einen Hügel und auf dem Hügel (überraschenderweise) eine Talsenke. Da steht nichts als Natur und mittendrin ein Schloß: Schloß Lüntenbeck. Im Schloßhof ein Bierzelt, im Bierzelt fünfzig weiße Stühle vor einer schwarzen Bühne (ein kleines, halbrundes Podest mit einer Rampe; Bühnenbild: Michael Lukas). Auf dieser Bühne im Zelt im Schloßhof im Tal auf dem Hügel bei Wuppertal wird Musset gespielt. Für einen jungen Regisseur, der entdeckt werden will, hat Armin Holz sich gut versteckt.

Was gibt es zu sehen? Viel Trubel, und lange dauert es nicht, fünfundsiebzig kurze Minuten. Diese Aufführung sieht aus wie der Versuch eines widerspenstigen Nachwuchskünstlers, alle Dramaturgen (die ihn schließlich engagieren wollen könnten) von vornherein genialisch abzuschrecken. Ständig wird unanständig laut geschrien. Was ist passiert? Hat Werner Schroeter mit Frank Castorf in dunkler Theaternacht heimlich ein Kind gezeugt, ein böses kleines Regie-Monster? Jeder anständige Zuschauer von gutem Geschmack wird diese Inszenierung empört verlassen (und verschnupft, denn im Zelt ist es kalt). Aber was hat Kunst mit Anstand und gutem Geschmack zu tun? Da ist kein Satz auf dieser Bühne, der nicht ausgedrückt wird, mit den radikalsten Mitteln, notfalls singend, auf den Fingerspitzen stehend. Und da ist kein Satz, der nicht ausgedrückt werden muß mit aller Gewalt, die dieses Stück enthält. Und das Geschrei ist kein Regie-Einfall, sondern ein Weg zum Kern des Stücks (oder ein Weg aus dem Stück heraus). Wer genau hinsieht, erkennt perplex: Armin Holz hat Musset »gültig interpretiert«.

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Mussets Stück ist ungeheuerlich. »Man spielt nicht mit der Liebe«, befiehlt es - und tut dann drei Akte lang nichts anderes. Der junge Perdikan, gerade volljährig, und schon ein Doktor, und seine achtzehnjährige Kusine Camille stellen ein Experiment an: Werden sie einander bekommen? Und sie beobachten den Fortgang des Versuchs am lebenden Objekt mit der Eiseskälte viel zu kluger Kinder (also so, als hießen sie beide Holz). Leider gibt es ein Todesopfer, das Bauernmädchen Rosette, mit dem Perdikan eine Liebe beginnt, um Camille eifersüchtig zu machen. Als die Versuchsleiter einander ihre Liebe endlich gestehen, bringt Rosette sich um. Dann spricht Camille die letzten Worte des Stücks, den vielleicht grausamsten Scherz der Dramenliteratur: »Sie ist tot. Leb wohl, Perdikan!« - Nicht einmal »Vorhang« oder »Ende« steht da noch; Musset kennt kein Pardon. Es ist einfach vorbei.

Auf Schloß Lüntenbeck tragen alle Weiß, als das Spiel beginnt. Dann schlingt sich Camille (Andrea Bittermann), als sie sich Perdikan verschließt, ein schwarzes Kettenhemd um die Brust. Der wiederum (Markus Gertken) läuft während seines Flirts mit der lilafarbenen Rosette (Maria Schalkhauser) selbst lila an und verwandelt sich in einen paillettenbehängten Showmaster. Die Liebeserklärung am Schluß ist nur noch traurig: Camille ist das Kettenhemd nach unten gerutscht und zum Kettenrock geworden. Sie trägt Schwarz, so wie Perdikan, der in einem durchsichtigen Bodystocking erscheint: Reizwäsche als Trauerkleidung (Kostüme: Angelika Rieck; Kostümdramaturgie: A. Holz).

Perdikans Erzieher Blasius (bei Holz eine Frau, ein Clown: Susanne Flury) trägt ein Schuppenkleid, wenn sie nach kleinen, in die Bühne gesteckten Blechfischen angelt. Frau Pluche, Camilles Gouvernante (Gundel Thormann), heißt bei Holz und Zochow »Plüsch« und trägt einen Plüsch-Overall. Ein Brief, über dessen kalte Worte sich sein Empfänger Perdikan beschwert, sieht aus wie eine riesige Schneeflocke. Alles scheint so, wie es ist: Man exaltiert sich. »Man spielt nicht mit der Liebe« ist Armin Holz' exaltatorisches Manifest. Seine Schauspieler trampeln, singen, kreischen und nölen wie unartige Kinder.

In Mussets ungeheuerlichem Stück gibt es einen ungeheuerlichen Auftritt: Perdikan übt sich als behutsamer Beziehungstherapeut und versucht so, Camille doch noch zur Liebe zu überreden. Die aber hat sich dem Leben im Kloster verschrieben und hält Perdikan seine Affären vor: »Sie haben Ihre Knie auf den Teppichen Ihrer Geliebten abgewetzt, und Sie wissen nicht einmal mehr ihren Namen.« Dabei ist Camilles Gang ins Kloster (wie der frühreife Perdikan erkennt) nichts als die Flucht vor dem Leben selbst (in dem man sich schon mal die Knie abwetzt und den einen oder anderen Namen vergißt). Eine atemberaubende Szene: still und leise tun sich Abgründe auf. Bei Holz wird daraus eine atemlose Tour de force. In pubertärer Raserei springen die Darsteller von einem Gefühl ins nächste und ergehen sich in den extravagantesten Posen. An die tiefernsten Augenblicke der Erkenntnis (und an gründlich psychologisch motivierte Figuren) glaubt Holz keine Sekunde lang. Nicht bei diesem Werk zumindest: »Man spielt nicht mit der Liebe«, verkündet der Regisseur auf dem Programmzettel, »ist ein Stück über das Rokoko unserer Zeit.« - Während Perdikan auf der Bühne Camille mit rudernden Armbewegungen kluge Worte über die Liebe eingibt wie ein Hypnotiseur, hält sie den Kopf schief und schielt. Später tritt der jugendliche Held an die Rampe und teilt seelenruhig mit: »Ich bin ganz verzweifelt«. Danach geht schnell das Licht aus.

Gundel Thormann, die ihre Karriere vor langer, langer Zeit bei Falckenberg begann, gibt die »Plüsch« mit der heiteren Gelassenheit einer wirklich erfahrenen Dame. Aber alle sind selbstvergnügt in dieser Produktion, niemand spielt, als müsse er etwas beweisen (oder als hätte er etwas zu verlieren). Markus Gertken, der schlaksig-schwärmerische und erschreckend selbstironische Perdikan, hat sich für diese Rolle von der Schauspielschule werfen lassen (von derselben, auf der Holz einst Regieschüler war). Mut ist schon kein Ausdruck mehr für Gertkens Art, sein Bühnenleben zu beginnen - der Schauspieler stürzt sich kopfüber in seine Rolle. Überhaupt (und das ist vielleicht das größte Wunder dieser Aufführung) wirkt keiner der Schauspieler (außer Gertken alles Schauspielerinnen) vom Regisseur mißbraucht, auch in den extravagantesten Posen nicht. Alle scheinen sie glücklich zu sein mit dem, was sie tun.

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»Eine Gesellschaft, die glaubt, sich die Breite und Vielfalt leisten zu müssen, oder das aus Trägheit und Gedankenlosigkeit einfach weiter tut, konstituiert damit notwendigerweise die Mittelmäßigkeit... «
Hans Lietzau und Ernst Wendt über »die übermächtige Stickigkeit eines Mehr-Sparten-Stadttheaterbetriebs«, 1968

Wie muß einer sein, der heute Regisseur werden will? Jedenfalls nicht so wie Armin Holz. Er muß die Ochsentour hinter sich bringen, ein paar Jahre lang mit schlechten Schauspielern an schlechten Theatern schlechte Stücke inszenieren und nachher trotzdem ein guter Regisseur geworden sein. Er muß durchhalten, aber er darf nicht zu gut sein (sonst würde er sich möglicherweise schnöde weigern, den Apparat mit Mittelmäßigkeit zu bedienen). Ein Monstrum muß er sein, ein unmöglich Ding - dann darf er vielleicht in zwei Jahren den »Sommernachtstraum« in X oder Y machen.

Aber wie? Jedenfalls nicht so wie Armin Holz! Der »Botenschauspieler«, schrieb einst Fritz Kortner, berichtet dem Zuschauer von den Empfindungen seiner Figur. Eine deutsche Stadttheater-Inszenierung (auch die beste, auch in München) berichtet vom Stück eines Autors - das ist der Dienstweg des Regietheaters. Wer's kann, wird bald zum amtlichen Kunst-Handwerker bestellt. Schauspieler lieben solche Boten-Regisseure. Sie glauben, der Dienstweg führe geradewegs zum Ruhm.

Was tut Holz? Er sitzt in der ersten Reihe und spricht stumm jedes Wort seiner Schauspieler mit (vielleicht auch, weil er weiß, daß ihn der Kritiker aus Reihe drei beobachtet). Schon bei »Bunbury« war Holz selbst auf dem Plakat zu sehen, in der Dandy-Pose des Dichters Wilde. Holz war Wilde, und nun ist aus Holz der grausam komische Musset geworden. Dieser Regisseur ist ein Parasit, das Stück ist sein Wirtstier. Holz macht sich keine Gedanken über ein Stück, er nistet sich in ihm ein und frißt sich dann von innen seinen Weg hinaus ins Freie.

Holz hat sich früh geweigert, seine Arbeit von Leuten beurteilen zu lassen, die (wie er, ein viel zu kluges Kind, schon immer wußte) weniger vom Theater verstehen als er (egal, wieviel erfahrener sie waren). So einer, der die Pflicht überspringen will und die Kür für das Recht eines jeden Anfängers hält, ist vielleicht ein wenig unheimlich (und sicher größenwahnsinnig). Soll der nicht erst mal was Anständiges lernen? Als ob das Theater eine Schreinerei wäre, als ob Kunst von Können käme! Der Theaterbetrieb (kunstfeindlich im tiefen Abgrund seines Herzens) ist eine Maschine, die den Nachwuchs frißt, wenn der sie nicht beherrscht. Der Nachwuchs aber soll wie jeder Schreinerlehrling erst mal was Anständiges lernen: Er soll sich fressen lassen. Armin Holz (der sich möglicherweise für ein Genie hält und das hoffentlich nie wird beweisen müssen) hat sich da rausgehalten. Er leistet sich seine Inszenierungen wie einen bitter nötigen Luxus. Den Musset in Lüntenbeck haben ihm Firmen wie die »Lichtplanung Dinnebier GmbH, Wuppertal« oder »U. Schmidt Im- und Export, Henne/Sieg« bezahlt. Ein heftiger Abend, nur etwas atemlos kurz. Entweder war diese Inszenierung ein unverschämtes Versprechen für die Zukunft oder ein grandioser Abschied.

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Denn was nun? Wohin wird Holz' Weg führen? Eine grandiose Inszenierung alle drei Jahre, das ist für einen so heftigen Regisseur wie ihn zum Leben und Sterben zuwenig. Die Kommission der vier Theater-Weisen, die Vorschläge zur Neuordnung des Theater-Ballungsraumes Berlin machen sollte, sieht in der Volksbühne am Luxemburgplatz Raum für eine »junge Truppe«, die »nach zwei Jahren entweder berühmt oder tot ist«. Das reizt Armin Holz: »Ruhm oder Tod« ist eine Parole nach seinem Geschmack, und Ostberlin hält er für die einzige Großstadt Deutschlands. Aber wenn dieser Aufsatz erscheint, ist die letzte Vorstellung auf Schloß Lüntenbeck schon gelaufen. Armin Holz ist kein Phantom. Das Ende der Geschichte bleibt unabsehbar offen.